Meine Höhepunkte. Mit Frau Löffler am eingepackten Reichstag

Von Andres Müry    

 

Was mir die halben neunziger Jahre an Höhepunkten gebracht haben? Schon an welche der achtziger erinnere ich mich ja kaum mehr. Dagegen aber an die der siebziger, fast schon peinlich, immer wieder damit zu kommen: „Peer Gynt“ und die „Bakchen“ an der Schaubühne, „Dickicht der Städte“ und „Antigone“ in Frankfurt, „Kontakthof“ und „Blaubart“ in Wuppertal. Zufällig oder nicht zufällig war das auch die Ära, wo ich Marx, Freud, Rischbieter und Horst Laube kennenlernte. In diesen Siebzigern war ich lange noch keine dreißig, vieles war das erste Mal, die erste Frau, die erste Stein-Inszenierung, die erste Grüber-Inszenierung, das erste Pina-Bausch-Stück, und glückhafterweise waren das alles Höhepunkte.

Eine Weile denkt man, das würde jetzt das ganze Leben so weitergehen, und irgendwie verzeiht man es dem Leben und erst recht dem Theater nicht, dass das nicht so ist. Bis jetzt haben mir die neunziger Jahre eine Menge weißer Haare und meinen Texten immer mehr jüngere Redakteure gebracht. Aber ich will nicht ungerecht sein: 1990 habe ich in Frankfurt beim Heiner-Müller-Festival meine erste Castorf-Inszenierung gesehen, „Der Bau“ aus Karl-Marx-Stadt, ein Gipfel historischer Ironie. Castorf ist ja auch meine Generation, wie auch Marthaler, den ich tief verehre, und das will etwas heißen, denn ein Basler verehrt nicht so leicht einen Zürcher. „Murx“ war 1993 für mich ein unglaublicher Höhepunkt, dieser Wartesaal hat mit schockartig die Verwandtschaft der DDR mit der Schweiz  zu Bewusstsein gebracht, genau gesagt: mit der Schweiz meiner Kindheit in den fünfziger Jahren, und da habe ich auch meine Traurigkeit beim Verschwinden der DDR besser begriffen.

Bleiben also nur Castorf und Marthaler und vielleicht noch Kresnik, weil der immer noch so wütend ist? Ich sollte hier vorsichtig sein, denn neulich rief mich ja Dr. Eckhardt aus Berlin an und fragte mich, ob ich Juror des geretteten Theatertreffens werden wolle, also berufsmäßiger Höhepunkt-Tester, und ich fragte sofort schuldbewusst, ob er denn wisse, wie alt ich schon sei, und er glaubte mich zu beruhigen, indem er sagte, es gebe ja auch so etwa wie Reife. Und zur Reife gehört, kam ich über Pfingsten zum Schluss, dass man so ein Angebot nicht ablehnt. Am 3. Juli saßen wir dann also, Frau Löffler, Dieter Kranz, Michael Merschmeier, Gerhard Jörder und ich, zum ersten Mal gemeinsam in Dr. Eckhardts Büro. Erstaunt stellte ich fest, dass ich immer noch der zweitjüngste bin, und kurz bevor wir zum gemeinsamen Mittagessen zum Chinesen gingen, der der Schwager von Harald Juhnke ist, fragte ich in der mir eigenen defätistischen Art: Was aber, wenn es keine zehn Höhepunkte gibt, sondern nur sechs? Alle blickten sich wissend an, tja, und Dr. Eckhardt beruhigte wieder: Das Kriterium laute ja auch nicht zehn Höhepunkte, sondern zehn bemerkenswerte Inszenierungen.

Nach dem Essen nahmen Frau Löffler und ich den Bus Nummer 100 zum Reichstag, es war entsetzlich schwül, die Kleider klebten sofort, und Frau Löffler, die ein buntgeschecktes Bajazzojäckchen trug, wurde ständig angesprochen („Ich kenne Sie aus dem Fernsehen, Sie machen das sehr gut, das darf ich Ihnen doch sagen?“). Dazwischen wollte ich wissen, ob sie auch gelegentlich Zweifel hege, wie lange ihre Kritikererfahrung, diese ganzen gespeicherten Aufführungen, noch nützlich sei, ob sie auch manchmal die Ahnung beschleiche, sie schreibe nur noch für die eigene Generation, und das eigene Instrumentarium könnte für ein wirklich neues, junges Publikum (nicht das bloß jung geschminkte), das vielleicht schon in den Startlöchern sei, nicht mehr greifen.

An der Kongresshalle stiegen wir aus, und Frau Löffler sagte: Sie verstehe sich nicht so sehr als Theaterkritikerin, sondern als Kulturjournalistin und habe überhaupt in der Außenpolitik angefangen, 1968 in Prag, und diesen ganzen Erfahrungsschatz von fünfundzwanzig Jahren weiterhin und bis zum Ende mitzuteilen, darum werde sie kämpfen, aber natürlich, über das, was ich gesagt hätte, denke sie ebenfalls schon des längeren nach. Wir gingen über die Wiese, die nicht mehr grün, sondern ganz braun war, auf den eingepackten Reichstag zu, zweifellos ein Höhepunkt der neunziger Jahre, andererseits als Theaterereignis vielleicht doch eher der achtziger: das Bühnenbild ohne Stück. Lassen Sie uns ganz nahe herangehen, sagte Frau Löffler, das Haptische ist wichtig. Wir drängten uns durch die fröhlichen Menschen, durch die Touristen und Händler und Gaukler, und fassten beide an der Nordwestecke an. Das Tuch war nicht, wie ich gehofft hatte, samtig und weich, sondern kratzig und steif und ließ sich nicht lüften.

Haben Sie schon gehört, dass Peter Stein jetzt doch in Berlin den „Faust“ macht, fragte mich Frau Löffler, sich aufrichtend, er solle schon eine Pressedame engagiert haben. Das wäre ja dann nur ein nachgeholter Höhepunkt der Achtziger, einigten wir uns und machten uns das Geständnis, dass wir darauf gar nicht mehr so neugierig wären. Und während wir um den Reichstag herumgingen, erzählte ich eine Geschichte über Peter Stein, die mir Gert Voss, der ja als Iwanow von Tschechow ein früher, vielleicht gar nicht  mehr einzuholender Höhepunkt der neunziger Jahre gewesen ist, gerade in Salzburg erzählt hatte: Damals, als Stein mit ihm noch „Antonius und Cleopatra“ machen wollte, hätten sie angefangen zu reden, und Stein habe gesagt: Er sei ja überhaupt kein Regisseur, er sei im Grunde nur ein Dramaturg, er könne ihm das ganze Stück sozusagen kopfmäßig analysieren, aber vom Bauchnabel abwärts fühle er sich unzuständig, da müsse er, Voss, Zadek fragen.

Frau Löffler lächelte wissend und sagte, das sei ja auch Peymanns Problem, ich solle nur an Dene und Voss in der „Hermannsschlacht“ denken. Und ich dachte laut über meine Höhepunkte in den siebziger Jahren nach, die demnach – ich war ja nie zu Zadek nach Bochum gefahren – großteils unterleibslose Höhepunkte gewesen sein mussten, und was das wiederum für mein eigenes Höhepunkt-Empfinden und für die ganze sogenannte Achtundsechziger Generation bedeutete. Wir lachten und gingen, ohne uns noch einmal nach Christos und Jeanne-Claudes Höhepunkt umzusehen, zurück zum Bus Nummer 100. Am Bahnhof Zoo verabschiedeten wir uns. Schön, dass wir uns jetzt einmal persönlich kennnengelernt haben, sagte Frau Löffler, das Haptische, nicht wahr, und sie winkte ein Bye-bye. Und ich dachte, das ist zwar noch nicht der Höhepunkt, aber immerhin, sie fängt ja gar nicht so schlecht an, die zweite Hälfte der neunziger Jahre.

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Erschienen im Jahrbuch 1995 von „Theater heute“   

Copyright: Andres Müry

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