Das literarische Terzett. Dramolett für Marcel Reich-Ranicki. 1990

 

Von Andres Müry    

Vor der Sendung „Das literarische Quartett“ vom 2. Juni 1990.                              Kaffehausdekoration mit Lorbeerbäumchen. Kameras, Scheinwerfer.                                        MARCEL REICH-RANICKI tigert nervös gestikulierend in der Vierer-Sitzgruppe herum, verfolgt von einer Maskenbildnerin, die ihm Make-up zu verpassen sucht.

REICH-RANICKI  seine Ansage memorierend  Das literarische Quartett … ist diesmal ein … ein Terrrrrzett  nach der Seite rufend  Karasek! Frau Löffler! Wo bleiben Sie? fortfahrend  Höhere Gewalt … genauer gesagt: Nebel hat Siegfried Unseld … hat meinen Freund Siegfried Unseld, den bedeutenden Verleger, gehindert, rechtzeitig –

KARASEK, breitbunter Schlips, ist von links gekommen, eine Flasche Veuve Cliquot und drei Gläser schwingend.                                                                                                                            

KARASEK bettelnd  Marcel, lassen Sie uns die Witwe doch schon mal öffnen!

REICH-RANICKI  Sie wollen mich betrunken machen, Karasek! Aber nur unter der Bedingung, dass mein Geburtstag während der Sendung nicht erwähnt wird!

KARASEK an der Flasche schraubend  Großes Ehrenwort.

FRAU LÖFFLER ist von links aufgetreten, große Ohrklunker und besonders hochtoupierte Frisur.    

REICH-RANICKI schlägt die Hände zusammen  Frau Löffler! Haben Sie mich erschreckt! Ich dachte, Trude Unruh kommt herein! (1)

FRAU LÖFFLER  Sehr charmant, Herr Reich-Ranicki. Sie greift sich den Handspiegel der Maskenbildnerin und prüft verstohlen ihre Frisur.                                                                        

KARASEK  Sie war für Herrn Unseld beim Frisör.

REICH-RANICKI  Hätten Sie sich sparen können, Liebe!

KARASEK  immer noch schraubend  Ja, wie war das denn mit Trude Unruh, Marcel? Sie wollte Sie neulich bei einer Talkshow für die Partei der Grauen keilen, hab ich gehört.

FRAU LÖFFLER spitz  Und? Ist es ihr gelungen?

REICH-RANICKI  Nein, viel schlimmer: Sie wollte mir die Gräfin Mariza vorsingen!

Gelächter, dahinein knallt der Korken. KARASEK schenkt ein.                                                  

KARASEK Prost, Marcel! Oder soll man Proust sagen?

KARASEK lacht allein; sie trinken.                                                                                                    

REICH-RANICKI  Netter Witz, nicht mehr ganz neu. Aber los, Kinder, tun wir nicht so, als ob wir auf einer Party wären – blickt auf die Uhr In acht Minuten beginnt die Sendung! Was tun wir ohne Unseld? Wir können natürlich auch ohne ihn über die Aktualität Hermann Hesses diskutieren –

KARASEK  Bitte nicht! Jetzt, wo der Kelch an uns vorübergegangen ist –

FRAU LÖFFLER  maliziös  Halten Sie Hesse etwa nicht für einen bedeutenden Schriftsteller?

KARASEK  So bedeutend, dass mir – jetzt kann ich’s ja zugeben – beim besten Willen nichts zu ihm einfällt, außer vielleicht die Anekdote, die mir Hochhuth neulich noch im Hotel erzählt hat –

REICH-RANICKI leidend Hochhuth und Hesse in einem Atemzug!

KARASEK  Das ist doch die Pointe! Kurz vor Hesses Tod besuchte ihn Hochhuth in Montagnola, noch bevor er den ‚Stellvertreter’ geschrieben hatte, legte Hesse ein Bändchen Sonette mit dem Titel ‚Junger Samen’ vor –

REICH-RANICKI  Abscheulich!

KARASEK  Kein Witz! – und bat ihn um einen Rat, ob er weiterschreiben solle. Hesse war sehr freundlich, befragte das I Ging, und die Antwort lautete: Ja.                                                    Gelächter                                                                                                                                                   

REICH-RANICKI  Eine Infamie, aber gut erfunden! Nein, im Ernst: ‚Das Glasperlenspiel’ ist immer noch ein epochales Werk, ein Gleichnis von hoher Bedeutung, ein Höhepunkt deutscher Prosa, hochgelobt nicht nur von Siegfried Unseld –

FRAU LÖFFLER und KARASEK   – sondern auch von Thomas Mann!

REICH-RANICKI  – für meinen Geschmack vielleicht etwas zu mystisch, aber ich würde es auch heute noch jedem jungen Literaturfreund empfehlen!

KARASEK  Ja! Sie haben es mich damals als Strafe proberezensieren lassen, Marcel!

FRAU LÖFFLER  Seien wir doch ehrlich: ein buddhistisch angehauchter Stifter aus zweiter Hand.

KARASEK   Dann doch lieber gleich Handke!

REICH-RANICKI  Kinder, wir werden uns darüber nicht einigen! Aber was nun? Sollen wir ernsthaft eine ganze Stunde über den Fall Heiner Müller plaudern? Büchnerpreis, Kleistpreis, schön und gut, aber gibt er so viel her?

FRAU LÖFFLER Er hat halt keinen ‚Zauberberg’ geschrieben, deswegen können Sie nichts mit ihm anfangen.

KARASEK  blickt um sich  Schade, dass er nicht zufällig hier ist, persönlich ist er ein sehr witziger Mann.

REICH-RANICKI  Mag ja sein, aber das macht ihn noch nicht zum bedeutenden Schriftsteller, dann wären wir ja alle drei welche!

Gelächter                                                                                                                                                    

ALLE  Prost!

FRAU LÖFFLER  Einen Vorteil hat ja Heiner Müller: Er schreibt wenig, und das kurz.

KARASEK  Die Titel sind oft länger als der Text.

REICH-RANICKI  Kurz, aber nicht kurzweilig!

KARASEK  Sagen Sie das nicht, Marcel! Da gibt es zum Beispiel das Gedicht ‚Zahnfäule in Paris’, das kann ich sogar auswendig:

Etwas frisst an mir                                                                                                                                            Ich rauche zu viel                                                                                                                                            Ich trinke zu viel                                                                                                                                                 Ich sterbe zu langsam

REICH-RANICKI  Mir kommen die Tränen. Und Sie, Karasek, nennen das ein Gedicht?

KARASEK  Bei Ulla Hahn wären Sie jetzt niedergekniet! (2)

REICH-RANICKI  Gut, gut! Aber was ist mit dem Dramatiker Heiner Müller? Der soll ja weltbedeutend sein. Frau Löffler!

FRAU LÖFFLER  Oh, ich finde, wenn man den sauren Männerkitsch einmal abstreicht, dieses Rambogetue, dann sind das schon sehr aufregende und formal kühne Endzeitvisionen.

REICH-RANICKI  Darf ich fragen: Ist ein Drama dann formal kühn, wenn einer bemitleidenswerten Person hölzerne Hauptsatzprosa in den Mund gelegt wird und jeder siebte Satz in Großbuchstaben getippt ist?

KARASEK  DER MUTTERSCHOSS IST KEINE EINBAHNSTRASSE zum Beispiel.

REICH-RANICKI  Er hätte Gynäkologe werden sollen!

KARASEK  Wollte er auch! Hat er in einem Interview zugegeben! Aber wir sollten das Urteil über den Dramatiker Müller diesem Müller-Festival überlassen, das gerade in Frankfurt läuft. (3)

REICH-RANICKI unheilverkündend  Sie meinen, Günther Rühle wird darüber ein abschließendes klärendes Wort sprechen?

FRAU LÖFFLER  Den sollen Sie ja neulich in einer fröhlichen Runde auch als Gynäkologen beschimpft haben. Was haben Sie bloß mit Gynäkologen?

REICH-RANICKI  Gleich die dreifache Unwahrheit, Frau Löffler! Sie treten in Günter Grass’ Fußstapfen! Es war in einer ganz und gar nicht fröhlichen Runde von Theaterleuten und Kritikern; ich habe niemanden beschimpft, schon gar nicht als Gynäkologen, das liegt mir ganz fern; sondern: ich habe mir erlaubt zu bemerken, Günther Rühle komme mir als Intendant so vor wie ein Sexualwissenschaftler, der ein Bordell leitet und sich wundert, dass es da Huren gibt! Gelächter Und zwischen einem Sexualwissenschaftler und einem Gynäkologen ist ja wohl ein entscheidender Unterschied!

Gelächter                                                                                                                                                       

ALLE  Prost!

REICH-RANICKI  Also gut, Kinder, wir werden ein paar Worte über Heiner Müller verlieren, aber was dann?

KARASEK kramt in seiner Jackentasche  Ich glaub, mir fällt da was ein, meine Frau hat’s mir in die Tasche gesteckt –

FRAU LÖFFLER  Bitte keine Banane.

KARASEK  fördert ein zerfleddertes Büchlein zutage  Keine Angst. Das ist ein Büchlein, bei dem wir zusammen wahnsinnig gelacht haben. ‚Das Barmen’ von Flann O’Brien, bei Suhrkamp übrigens, wie alle Iren hat er sich zu Tode gesoffen, aber Joyce hat ihn über alles geliebt –

REICH-RANICKI  Noch keine Empfehlung!

KARASEK  Wie Beckett Unseld erzählt hat, soll Joyce bei Vollmond kein größeres Vergnügen gekannt haben, als O’Brien zu lesen und dabei den rechten Arm in eine Schüssel mit lauwarmer Vanillesauce zu tauchen.

REICH-RANICKI  So ein Blödsinn! Ich habe beim Lesen noch immer beide Arme gebraucht!

FRAU LÖFFLER  Wozu denn?

KARASEK  macht es vor  Ich lese immer mit links.

REICH-RANICKI  Gut, gut! Aber was sollen wir mit dem Büchlein? Bei diesem irischen Säuferhumor kann ich nicht lachen. Ich hab’s zwar damals in der F.A.Z. besprechen lassen –

KARASEK  Positiv! Ich darf den Klappentext zitieren: „O’Brien hat das eigene Schreiben einmal ‚gesunden Irrsinn’ genannt. Das trifft es genau.“  F.A.Z.

REICH-RANICKI  „Gesunder Irrsinn“ ist nun wirklich großer Blödsinn!

FRAU LÖFFLER  jubelnd  Das wusste ich, dass das kommt!

KARASEK  Ganz kurz: Es ist eine Lebensgeschichte, die beginnt in einem trübsinnigen gälischen Dorf namens  holt tief Luft  Corrkadoouuuraghaaooo – Verzeihung, ich übe noch –, dort regnet es in ein Loch, alles versinkt im Morast, und der Icherzähler wächst buchstäblich mit den Schweinen auf –

REICH-RANICKI  Geschenkt, Karasek, geschenkt!

KARASEK  Wirklich ganz kurz: Diese Bauern sind so fürchterlich arm, dass ihre Kinder außer grauen Woll-Breeches nackt herumlaufen. Das bringt die Mutter wiederum auf eine geniale Idee: Als eines Tages der sehr kurzsichtige englische Steuerinspektor kommt, um die Köpfe der Familie zu zählen, da zieht sie rasch auch den Ferkeln graue Woll-Breeches über, der Trick klappt, und sie kriegen für alle Kindergeld. Ist doch wunderbar, nicht?

FRAU LÖFFLER  klatscht in die Hände  Ja, hinreißend!

REICH-RANICKI  Gut, halten wir fest: Sie sind beide von diesen Ferkeln hingerissen. Damit ist aber meine Frage noch nicht beantwortet: Worüber sollen wir diskutieren? Vielleicht über die irische Schweinequote?

KARASEK  Nein, Marcel! Ich dachte, dass wir … äh … dass wir so die Kurve zur deutschen Frühjahrsproduktion kriegen, die sich ja nun wieder einmal durch das vollständige Fehlen von Witz und Humor auszeichnet – oder haben Sie einmal gelacht, Marcel?

REICH-RANICKI  Natürlich nicht! Aber die Leute werden über uns lachen!

FRAU LÖFFLER  Na und? Ich finde die Idee ausgezeichnet!

REICH-RANICKI  komisch verzweifelt  Kinder, ich stehe wieder wie üblich allein da! Keiner liebt mich, nicht einmal an meinem Geburtstag!

FRAU LÖFFLER  geheuchelt mitfühlend  O Marcel! Sie dürfen mich Sigrid nennen!

REICH-RANICKI  Besten Dank, Sigrid. Klingt fast wie Siegfried.

KARASEK  fröhlich  Stimmt ja! Wann haben Sie das F eigentlich abgelegt?

FRAU LÖFFLER lächelt säuerlich                                                                                                     

KARASEK und REICH-RANICKI  Prost!

Gelächter.                                                                                                                                    Währenddessen hat sich von rechts langsam ein EINDRINGLING genähert, fett, fettiges Haar, Parka, Alditüte; vor der Brust trägt er einen Pappbecher, unklar ob zum Betteln oder zum Trinken.                                                                                                                                                   

REICH-RANICKI  schießt auf ihn zu  Heißen Sie Siegfried Unseld?

DER EINDRINGLING  staunt stumm                                                                                                   

REICH-RANICKI  Na bitte! Das hier ist ein Fernsehstudio, keine Trinkhalle! Gleich beginnt die Sendung! Ihre Teilnahme ist nicht vorgesehen!

KARASEK  kommt näher  Kennen Sie Hermann Hesse?

DER EINDRINGLING  staunt stumm, verbunden mit einem begehrlichen Blick auf die Flasche, die KARASEK  in der Hand hält.                                                                                                            

KARASEK  Also er heißt nicht Siegfried Unseld, kennt Hermann Hesse nicht und sagt außerdem kein Wort: Da kann es sich eigentlich nur –

FRAU LÖFFLER  – um einen albanischen Spion handeln!

REICH-RANICKI  Nein! Ganz falsch! Er sieht mir sehr irisch aus! Karasek, werfen Sie ihn auf gälisch raus!

KARASEK  zurückweichend, da sich der EINDRINGLING fordernd vor ihm aufgebaut hat  Äh … vielleicht hat er bloß Durst und geht von alleine. Schüttet ihm etwas ein  Der ist übrigens nicht von Aldi.

Der EINDRINGLING lässt sich in einen Sessel fallen und nuckelt an seinem Becher.            

REICH-RANICKI  Karasek, um Himmels willen! Das war ein Fehler, den werden wir nicht mehr los! Zur Seite Herr Willms, bitte! Herr Willms! (4)

KARASEK  versucht ihn währenddessen an Armen und Füßen hochzuziehen, doch der EINDRINGLING wehrt ihn wie eine lästige Fliege ab.                                                                         

FRAU LÖFFLER  leichthin  Warum bauen wir ihn nicht einfach in die Sendung ein? Es heißt schließlich Quartett, oder?

REICH-RANICKI  Herr Willms!

KARASEK  Als wen könnten wir ihn denn ausgeben? Höchstens als Harry Rowohlt. (5)

REICH-RANICKI  Ausgeschlossen! Dafür ist der Mann noch viel zu nüchtern!

LAUTSPRECHERSTIMME  ACHTUNG BITTE, AUF DIE PLÄTZE!

REICH-RANICKI  Kommen Sie, Karasek! Schieben wir ihn einfach raus! Aber sanft! Ohne Gewalt!

Sie schieben den Sessel mit dem EINDRINGLING  rechts hinaus. Das Streichquartett hat heftig eingesetzt. FRAU LÖFFLER  setzt sich, ihre Frisur kontrollierend, lächelnd in Positur. Die beiden Herren stürzen zurück, hechten in ihre Sessel, ziehen die Krawatten zurecht etc.  

REICH-RANICKI mit seiner gewohnten grabesmäßigen Ansagestimme  Das literarische Quartett ist diesmal, wie Sie sehen können, ein Terzett. Höhere Gewalt, genauer gesagt: Nebel hat meinen Freund Siegfried Unseld, den bedeu –

Von links ist SIEGFRIED UNSELD aufgetreten, Jackett mit großen Karos, strahlendes Lächeln, die Arme ausgebreitet, links eine Flasche Veuve Cliquot, rechts einen Blumenstrauß.          

UNSELD  MARCEL!

ALLE DREI  SIEGFRIED!

Der Vorhang fällt

Anmerkungen

1) Bundestagsabgeordnete, ursprünglich bei den Grünen, dann Begründerin einer eigenen Seniorenpartei, der Grauen; eigentlich Soubrette (Zwickau, später Gelsenkirchen)

2)  Deutsche Lyrikerin

3) Gemeint ist die Frankfurter ‚Experimenta 6’, die – nicht zuletzt auf Günther Rühles Anregung – ganz dem Werk Heiner Müllers gewidmet war.

4)  Johannes Willms, damals Leiter der ‚aspekte’ im ZDF, für die Sendung verantwortlicher Redakteur.

5)  Englischübersetzer (u.a. Flann O’Brien), Kolumnist der ‚Zeit’ (‚Pooh’s Corner – Ansichten eines Bären von sehr geringem Verstand’)

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Erschienen im F.A.Z.-Magazin vom 1.6.1990

Nachschrift 2014                                                                                                                                             

Den Auftrag für das Geburtstags-Dramolett bekam ich ursprünglich von Johannes Willms vom ZDF, dem produzierenden Sender des ‚Literarischen Quartetts’. Die geplante Realisierung im Fernsehen – als Regisseur war Jürgen Flimm angefragt – sagten die ZDF-Oberen dann ab, mit der Begründung, man parodiere nicht ein erfolgreiches eigenes Format. Die F.A.Z., das Hausblatt von Reich-Ranicki, war weniger zimperlich: Thomas Schröder vom ‚Magazin’ entschied sich für den Abdruck in der Rubrik „Frankfurter Hoftheater“, das normalerweise der Redakteur Siegfried Diehl bespielte; für das eine Mal überließ er den Platz einem anderen. Was insofern sinnig war, als ich das Format zusammen mit Diehl und dem hessischen Dramatiker Wolfgang Deichsel bei zwei ausführlichen Mittagessen entwickelt hatte. Dieses Brainstorming bei Champagner verewigte Diehl in einem der ersten Stücke des „Frankfurter Hoftheaters“.

Copyright: Andres Müry

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