Die Macht der Oper

Eine Szene                                                                                                                                                    

Von Andres Müry    

 

Frankfurt, 14. November 1987, zwei Tage nach dem Opernbrand.  Halle des Frankfurter Hofs. Der Barpianist spielt „My Foolish Heart“.  GÜNTHER RÜHLE, der Schauspielintendant, liest im Stehen die F.A.Z. HARMUT HENNE, sein Disponent, Brandspuren am Parka, Ruß und eine Schramme an der Wange, mit Akten und Post herein.                                                                                                                                                                             

RÜHLE  Endlich Henne!

HENNE  schweratmend  Die Vertragsmappe hab ich gerettet. Und Ihr Gerhart-Hauptmann-Manuskript …

RÜHLE  Und das Minetti-Foto?!

HENNE  Ich …

RÜHLE  Sind Sie bei Trost, Mann? Das Minetti-Foto mit der persönlichen Widmung! Wie steh ich jetzt da?

HENNE  Man hat mich verfolgt!

RÜHLE  Wer? Bertini? (2)

HENNE In Ihrem Büro einer von der Feuerwehr, dann so ein Riese vom Opernchor, als ich durchs Schauspielfoyer schlich. „Los, sing ein hohes C oder verpiss dich!“, brüllte er und erwischte mich noch mit seinem Gummischwert.

RÜHLE  sinkt in einen grünen Plüschsessel  Das ist ja entsetzlich, Henne!

HENNE  Wir sind so gut wie ausgesperrt. Auf unserer Bühne trällert man schon Arien. Bertini inspiziert mit Hilmar Hoffmann (3) gerade den Orchestergraben.

RÜHLE  dumpf  Entsetzlich. Die Macht der Oper. Zur Kellnerin  Noch eine Portion Pfefferminztee. Zu Henne  Das ist ja noch viel entsetzlicher als mein Traum neulich vor dem Brand. Hab ich Ihnen den erzählt, Henne?

HENNE  Wusste nicht, dass Sie träumen.

RÜHLE  blickt um sich, gedämpft  Streng ‚off the records’: Ich träumte, es sei Fassbinders fünfter Todestag. Ich sitz mit Ignatz Bubis (4) beim Skat, hab schon die ganze Monatsgage verspielt und bin nur noch in Hemd und Unterhose, da grinst Bubis und meint: „No, Ginther, der einzige Einsatz, der dir bleibt, ist dein Theater.“ „Topp“, sag ich wie in Trance – und hab verloren! Stellen Sie sich vor, Henne: Ich und Bubis beim Skat und dabei das Theater verspielt!

HENNE  Und? Wie ging’s weiter?

RÜHLE  Aus, Ende, meine Frau zog den Rollladen hoch.

HENNE  streckt ihm die ‚Abendpost/Nachtausgabe’ hin Da, das Neueste: Ihr Bubis schlägt vor, die Ruine gleich ganz abzureißen und dort einen Büroturm hochzuziehen, mit einer Art  angeekelt  Dinnertheater im Untergeschoss, wo dann en suite „Anatevka“ oder „Die spanische Fliege“ gespielt wird. Die FDP ist schon dafür.

RÜHLE  lässt das Blatt sinken  Na bitte, Henne! Der alte Jahwe als Liberaler vermummt!  Blickt sich schnell um  Das passt doch in die Landschaft. Und kein Aufschrei geht durchs Land, was? Nicht mal ein Protesttelegramm von Flimm?

HENNE  schüttelt den Kopf  Nur eins von Iden (5) aus dem Spessart: WEHRT EUCH!

RÜHLE  verbittert  Ausgerechnet Iden. Er hat meine Gerhart-Hauptmann-Woche einen „peinlichen Sonnwendquark“ genannt.

HENNE  Haben Sie Hilmar Hoffmann erreicht?

RÜHLE  Hat Tag und Nacht den Anrufbeantworter an, mit „Così fan tutte“.

HENNE  Was ist mit der F.A.Z.?

RÜHLE  Fest (6) nennt mich intern bereits den „Intendanten des Frankfurter Hofs“, und Hensel (7) lässt streuen, ich bewerbe mich ums Park-Theater Bensheim.

HENNE  Und was sagt Ihre Frau?

RÜHLE  Droht mich zu verlassen, wenn ich nicht morgen zurücktrete. Ich steh mit dem Rücken zur Wand, Henne. Springt plötzlich auf  Warum halt ich nur immer so an mich? Warum hau ich nicht einfach mal auf den Putz? Holt über dem Flügel aus, lässt die Faust wieder sinken  Sehen Sie, Henne, ich kann nicht.

HENNE  Das ist Ihre hamletische Natur.

RÜHLE  scharf  Wie?

HENNE schnell  Und weil Sie Lärm hassen.

RÜHLE  Weil ich Lärm hasse, richtig.

HENNE  Deswegen können Sie auch die Oper nicht ausstehen.

RÜHLE  Diesen organisierten gedankenlosen Dauerlärm, ja!  Blickt sich um, gedämpft  Ich hasse die Oper! Dieses sogenannte „Kraftwerk der Gefühle“! Wenn ich das nur schon höre!

HENNE  „Gefühl ist ein unklarer Gedanke.“ Spinoza.

RÜHLE  Richtig, Henne. Spinoza. Aber trotzdem, man müsste auch mal aus sich herausgehen können! Stellen Sie sich vor, Henne, was ein Kraftkerl wie Peymann  er wippt auf den Zehenspitzen  an meiner Stelle jetzt täte! Den Römer besetzen! Den Hessischen Rundfunk! Das Studio der Tagesschau!  Begeistert sich  Pausenlose Aufrufe an die Bevölkerung! Gert Voss und Kirsten Dene lesen ‚Das harte Brot“ von Claudel! Statt „Dallas“ gibt’s „Familie Schroffenstein“!  Fällt wieder zusammen Und was tun  w i r, Henne? Wieder energisch  Rufen Sie das Ensemble zusammen!

HENNE  spitz  Und was, bitte, wollen Sie ihm sagen?

RÜHLE  fällt wieder zusammen, während HENNE  vom Hotelboy ein Telegramm entgegennimmt 

RÜHLE  hoffnungsvoll Von Rischbieter?

HENNE  Von der Jüdischen Gemeinde. Bubis bietet uns seinen Partykeller an. „Aber nur für koschere Stücke“.

RÜHLE  legt sich die Hand über die Augen, dumpf  Werden Sie jetzt nicht noch witzig, Henne. Lesen Sie mir lieber die Speisekarte vor.

HENNE  Hausgebeizter Fjordlachs mit Gurkensauce.

RÜHLE  Gab’s schon gestern und vorgestern. Die spielen en suite, Henne.  HENNE blickt grämlich.                                                                                                                                                     

RÜHLE  War ein Witz, Henne. Bestellen Sie mir ein paar Frankfurter mit Kartoffelsalat. Übrigens, haben Sie Hilsdorf (8) in Stuttgart erreicht?

HENNE  Immer noch nicht. Lässt sich vom Betriebsbüro verleugnen.

RÜHLE  Undankbarer Patron. Aber den Batterierasierer, den ich ihm geliehen habe, will ich zurück. Und was ist mit Schleef?

HENNE  Soll gestern und heute in der Bahnhofsmission gesichtet worden sein, auf Statistensuche.

RÜHLE  O Gott. Wetten, Henne, wenn er weiß, dass der Brandstifter ein freigekaufter Jungpenner von drüben (9) ist, kommt er und willl ihn gleich mitengagieren.

HENNE  nickt grämlich                                                                                                                                

RÜHLE Glauben Sie eigentlich diese hanebüchene Geschichte von dem Freigekauften aus Rummelsburg mit den Streichhölzern aus Sri Lanka? Völlig unglaubhaft, Henne! Ein Ortsunkundiger steigt mitten in der Nacht ins Theater ein und findet wie im Traum direkt auf die Bühne – das glaube, wer will. Wo ich nach über zwei Jahren die Bühne noch nicht mal allein finde, Henne! Erinnern Sie sich, neulich hat man mich nach sechs Stunden aus dem Heinzungskeller befreit, durch einen glücklichen Zufall. Sie waren der einzige, der mich vermisst hat, Henne.

HENNE  Aber gefunden hat Sie Grüber.

RÜHLE  Ja, gefunden hat mich Grüber. Seit „Dickicht“ (10) kennt er das Haus in- und auswendig. Aber ein Freigekaufter aus Rummelsburg, nie und nimmer.

Er will sich an seine Frankfurter Würstchen setzen. Da stürzt eine JUNGE FRAU mit blonden Zöpfen auf ihn zu.                                                                                                                                      

JUNGE FRAU  Sie sind doch Herr Rühle, der Intendant Rühle?                                                       

RÜHLE mit der Serviette in der Hand  So ist es.

JUNGE FRAU Ich habe Sie so bewundert bei Ihrem Vortrag neulich in Bensheim …

RÜHLE  geschmeichelt  „Was soll das Theater?“

JUNGE FRAU  Ja! „Was soll das Theater?“ ! Mir aus der Seele gesprochen! Zitiert „Dass der elende Zustand der Welt daher rührt, dass die Vernunft nicht herrscht und die Liebe zu schwach ist …

RÜHLE fährt fort … obwohl sie doch die Schönheit selber ist.“

JUNGE FRAU  Ich bin Schauspielerin am Park-Theater Bensheim und komme Ihnen zu Hilfe in der Stunde der Not!

RÜHLE  blickt sich um, gedämpft  Das ist lieb von Ihnen, mein Kind, aber bleiben Sie lieber in Bensheim …

JUNGE FRAU  O nein, lassen Sie mich vorsprechen, die Berta aus den „Pionieren in Ingolstadt“!

RÜHLE setzt sich abrupt und beißt in ein Frankfurter Würstchen.                                             

HENNE  drängt die JUNGE FRAU handgreiflich links hinaus Herr Rühle muss auch mal essen, ja!

JUNGE FRAU  ruft im Abgehen „Wir haben was ausgelassen, was wichtig ist! Die Liebe haben wir ausgelassen …!

Von rechts kommt EINAR SCHLEEF gefolgt von sieben PENNERN und PENNERINNEN mit Pudelmützen.                                                                                                                                         

SCHLEEF zu Rühle Meine Eimer sind weg!

KELLNERIN  zu SCHLEEF  Was darf ich bringen?

SCHLEEF  MEINE EIMER SIND WEG!

KELLNERIN  Bitte?

SCHLEEF  zeigt auf ein Schild  Achtmal das Champagner-Diner mit Harfenbegleitung zu hundertsechzig Mark.

RÜHLE  lässt das zweite Frankfurter Würstchen sinken  Wir  s i n d  bereits ruiniert, Schleef.

KELLNERIN  Tut mir leid, erst ab 20 Uhr.

SCHLEEF  Dann bringen Sie den Champagner ohne Diner, und die Begleitung machen wir selber. Zu RÜHLE  Jetzt ziehn Se nich son Jesicht, Rühle. Da is endlich mal ne ordentlich leidenschaftliche Temperatur innem Theater wie im wirklichen Leben, und Sie machen ein Jesicht wie Weltuntergang. Die sieben Damen und Herren aus der Bahnhofsmission brauch ick, und den Bekloppten ausm Rummelsburger Knast, der dat Ding anjesteckt hat, gleich mit dazu. Rufen Sie sofort den Hoffmann an. Dat jibt die richtige Farbe, und außerdem, Sie wissen: „Jeder Mensch, der angenommen wird, wird ein besserer Mensch.“ Steht nich umsonst in meinem Stück. (11) Zum PIANISTEN  Kennen Sie det ‚Ännchen von Tharau’?

RÜHLE zu HENNE, der an einer Bisswunde saugend wiedergekommen ist  Na bitte!

Der PIANIST greift in die Tasten, SCHLEEF und die sieben PENNER und PENNERINNEN fallen ein.

Anmerkungen

1) Das Frankfurter Opernhaus wurde in der Nacht zum 12. November von einem jungen Obdachlosen aus der DDR unter nie ganz geklärten Umständen angesteckt. Für die Zeit des Wiederaufbaus übernahm die Oper das im gleich Gebäude befindliche, intak gebliebene Schauspielhaus, während das Schauspiel obdachlos wurde und in ein stillgelegtes Straßenbahndepot umziehen musste.

2) Gary Bertini, der Opernintendant

3) Damals Kulturdezernent

4) Immobilienkaufmann und Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde. Im berühmten Fassbinder-Streit im Oktober 1985, in dem die Jüdische Gemeinde mit Erfolg die Uraufführung von „Die Stadt, der Müll, der Tod“ im Frankfurter Kammerspiel verhinderte, war Bubis Rühles Hauptkontrahent.

5) Peter Iden, Kritiker der ‚Frankfurter Rundschau’

6) Joachim Fest, Mitherausgeber der F.A.Z., deren Feuilletonchef Rühle war, bis er 1985 die Intendanz des Frankfurter Schauspiels übernahm.

7) Georg Hensel, Theaterkritiker der F.A.Z.

8) Dietrich Hilsdorf, damals Hausregisseur in Frankfurt

9) Der Brandstifter hatte eine Zeit im DDR-Gefängnis Rummelsburg gesessen und war im Rahmen des damals üblichen Austauschs von der Regierung der Bundesrepublik freigekauft worden.

10) „Dickicht der Städte“ von Brecht, das Klaus Michael Grüber 1972 in Frankfurt inszenierte.

11) „Die Schauspieler“, eine Paraphrase von Gorkis „Nachtasyl“, die Schleef damals gerade inszenierte.

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Erschienen in  „Die Zeit“ vom 1. Januar 1988; nachgedruckt in „Minetti ißt Eisbein. Lob der Hinterbühne“, Frankfurt a. M. 1992

Copyright: Andres Müry

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