„Der Führer braucht jeden, auch Sie!“ Auszüge aus Samuel Becketts „Nürnberger Tagebuch“

übersetzt und kommentiert von Andres Müry

 

Ein schmale Bändchen, erschienen bei Grove Press Inc., New York ($ 8.95), könnte die literarische Sensation dieses Sommers werden: „The German Diaries“ von Samuel Beckett, der gerade achtzig geworden ist. Für die Fachwelt kommt die Veröffentlichung nicht überraschend, Beckett hatte die fünf eng beschriebenen Kladden, wie „Le Monde“ zu berichten wusste, bereits vor eineinhalb Jahren seinem amerikanischen Agenten ausgehändigt. Jetzt also: der spätere Großmeister der autobiographischen Camouflage als Chronist der täglichen Ereignisse, der 31-jährige, allenfalls als literarischer Geheimtipp gehandelte Ire auf einer Reise durch Nazideutschland im Winter 1936/Frühjahr 1937. Das ursprüngliche Interesse Becketts, die Expressionisten, trat notgedrungen – sie waren gerade aus den Museen entfernt worden – zurück hinter das große Thema: die Suche nach sich selbst. Ein paar besondere Überraschungen bietet dabei die Nürnberg-Episode: unter anderem eine Romanze mit Leni Riefenstahl, ein Filmangebot und eine Beinahe-Begegnung mit Hitler.

 

29. April 1937                                                                                                                                                Geht es denn nie zuende? Kurz nach Bayreuth hatte ich versucht, mich aus dem Zug zu werfen, doch die Schaffnerin erwischte mich am Trenchzipfel und schimpfte: „Schämen Sie sich, junger Mann, der Führer braucht jeden, auch Sie!“ Aber es sollte an diesem Abend noch besser kommen. Als gäbe es in diesem Nürnberg keine andere Absteige, geriet ich ausgerechnet an den „Deutschen Hof“. Den Uniformierten davor hielt ich zuerst für den Portier und murmelte in meinem besten Deutsch sowas wie „Geben Sie mir irgendeine Lagerstatt, wo ich mein müdes Haupt zur Ruhe legen kann.“ Erst als er mich anherrschte „Losungswort!“ und noch drei seiner Sorte heranwinkte, fiel mir auf, dass er eines dieser Braunhemden und Stiefel trug. Ich pfiff gedankenlos, wohl weil mich der Kerl an den Briefträger in Cooldrinagh (1) erinnerte, „The Roses are Blowing in Picardy“, da standen sie alle stramm, und ich war durch die Drehtür. Die Nazis haben das ganze Etablissement gemietet, aber ich muss ziemlich überzeugend wirken, der Mann an der Réception nannte mich „Herr Doktor“ und gab mir nur auf meine blauen Augen hin einen Schlüssel. So weit, so gut. Oben merkte ich, dass ich den Korkenzieher in Dresden gelassen hatte, konnte also meinen Tröster-für-alle-Fälle nicht aufkriegen. Ich warf einen Blick ins Nebenzimmer, dessen Tür nur leicht angelehnt war. Da stand eine feierliche Gesellschaft mit Leichenbittermiene um einen Tisch rum und fixierte zwei Männer, die sich gegenüber saßen. Der eine war, kein Zweifel, Hitler, der andere sah ungefähr so arisch aus wie Peter Lorre und legte ihm die Karten; später erfuhr ich: Hitler wollte wissen, ob er einen Schnupfen bekommen würde, und sein Gegenüber war Dr. Morell, sein Leibarzt. Ich war schon wieder halb aus der Tür, als die einzige Frau, eine große Blondine mit hinreißend grünen Augen, auf mich zukam und die Gelegenheit benützte, zu mir hinauszuschlüpfen. Ich war sicher, dass ich sie schon mal in Kassel (2) im Kino gesehen hatte, in einem dieser Bergfilme (3). Tatsächlich, es war Leni Riefenstahl, und außerdem hatte sie ein Schweizer Taschenmesser dabei. Bald saßen wir angeschickert auf meinem Bett, ließen uns den Scotch durch die Kehle gurgeln und diskutierten über Eisenstein (4). Ich kam ganz schön in Fahrt und brillierte mit einer Theorie des Schwarzfilms, was uns der Horizontalen ein gutes Stück näherbrachte. Schließlich schlug ich vor, das Licht zu löschen und nur noch „dem Dunkel und dem Schweigen zu lauschen“ (to listen to the dark and to the silence), wie es bei W.B. Yeats heißt …

30. April 1937                                                                                                                                                   Leni erinnert mich stark an Peggy, eingeschlossen den blöden Scherz, mir auf die Brille zu hauchen. Na ja, noch eine Frau, die mir einreden will, dass ich noch nicht tot bin. Heute früh bestand sie darauf, mir das Reichsparteitagsgelände zu zeigen. Aus dem Taxi versuchte ich einen Blick auf diese angeblich deutscheste Stadt zu erhaschen, sie hatten aber alles mit ihrer Flagge zugehängt. Das Marsfeld war leer bis auf ein paar Formationen in der Ferne, die unentwegt ihren Stechschritt übten. „Hier drehe ich demnächst wieder“ (5), sagte Leni und wies mit Besitzerstolz über die Anlage, „‚Die Welt als Wille und Vorstellung’ frei nach Schopenhauer.“ „Oh“, meinte ich etwas knapp und konzentrierte mich auf die Blusenknöpfe. Wir machten es auf der großen Rednertribüne, hinter der Granitbrüstung. War ein merkwürdiges Gefühl, da musste überall Hitlers Spucke kleben, aber Leni wusste wohl, weshalb sie diese Stelle ausgesucht hatte. Irgendwie schien sie von meinen Fähigkeiten angetan. „Wie bringst du das bloß fertig?“, seufzte sie bewundernd, und ich machte meinen alten Witz: „Ganz einfach, Sweetie, ich habe mich die ganzen Jahre für dich aufgespart.“

Am Nachmittag allein. Leni hatte sich mit Albert Speer verabredet, um einen neuen Lichtmesser zu kaufen. Ich stand lange auf der Maxbrücke, blickte auf die träge dahinfließende Pegnitz und dacht an Peggy, an die arme Peggy. Dann war es Zeit, zum Postamt zu gehen, ich hatte keinen Penny mehr, nicht mal für Erdnüsse reichte es. Aber es war kein Scheck von Mutter da, nur ein Brief; sie sei im Dunkeln wieder hingefallen, weil sie den Lichtschalter nicht fand, und sie will mir jetzt erlauben, die Tür zu meinem Zimmer abzuschließen und den Schlüssel mitzunehmen. Zu gütig von dem Drachen! Aber es funktioniert: Die Schuldgefühle sind wieder da.  Wird es denn niemals enden?

Okay, ich habe ihr zum Frühstück einmal statt des Porridgetellers den Hundenapf hingestellt, aber die Sache mit meinem ersten Gedichtband (6) war auch nicht von Pappe: Sie hat ihn gleich unter ein Bein des Küchentischs geschoben, weil der immer wackelte, und wetten, er steckt immer noch da. – Ich beschloss, wie in jungen Jahren loszuziehen und ein paar Opferstöcke zu leeren. Erst probierte ich es irrtümlicherweise in der Synagoge, die ließen mich wegen Reparaturarbeiten aber erst gar nicht rein; in der Frauenkirche hatte ich den Schraubenzieher schon angesetzt, da störte mich eine Liliputanerin in fränkischer Tracht; statt ihr die paar Pennies gleich abzunehmen, tat ich ihr den Gefallen und hob sie hoch, damit sie sie einwerfen konnte; erst in Sankt Sebaldus klappte es, es war sogar eine noch ganz brauchbare Wurstscheibe und ein Bleistiftstummel darunter. Trollte mich danach wieder ins Hotel, zog die Vorhänge und legte mich in die Koje. Im Nebenzimmer war offensichtlich Hitlers Hund eingesperrt, er winselte wie Kerry Blue (7), was meine Stimmung auch nicht gerade hob. Seit Hamburg keine Zeile mehr geschrieben. Nahm den Bleistiftstummel als Wink der Vorsehung und notierte im Gedenken an Peggy: „The grapples clawing blindly the bed of want/Bringing up the bones the old loves“ (Die Enterhaken tasten blind ins Bett der Notdurft/Holen die Knochen rauf, die alten Liebschaften) (8).

1. Mai 1937                                                                                                                                                          Was für eine Nacht. Ich träumte, Julius Streicher sei in meinem Zimmer und verlangte, dass ich die Hose runterlasse. Ich drohte ihn zu shampoonieren, und er ergriff die Flucht. – Gegen Morgen schaute dann Leni herein. Sie roch wie ein Fass Maibowle und meinte obenhin, sie hätte mit Hitler und Eva Braun Walpurgisnacht gefeiert. Dabei warf sie mit einem schweren Gegenstand nach mir, einer in Leder gebundenen Ausgabe von „Die Welt als Wille und Vorstellung“. „Du behauptest doch, Schriftsteller zu sein“, sagte sie, „der Führer gibt dir eine Chance, mach ein Filmscript daraus.“ Zu ihrer Verblüffung reagierte ich blitzschnell und ließ mir gleich einen Hunderter als Vorschuss geben (9). Dann gingen wir das Albrecht-Dürer-Haus besichtigen. Es ist nicht zu fassen: Hier in Nürnberg entdecke ich den Ursprung des alten Dubliner Schimpfworts vom „einäugigen, dreihodigen Nichtraucher“, das ich in „Murphy“ gebraucht habe. Veit Stoß soll es einmal zu Dürer gesagt haben, weil er immer eine eiförmige Sackuhr, ein sogenanntes „Nürnberger Ei“, in der Tasche trug; ein zweites Mal gab’s aber nicht, weil ihm Dürer zur Strafe die Diabetikerspritze wegnahm und nie wiedergab. – Die Stadt war wie ausgestorben, die Braunhemden waren alle bei der Maiparade draußen, wie mir Leni erklärte. Hinter dem „Schönen Brunnen“ brachte ich ihr Austernküsse bei und zitierte den gälischen Barden O’Rourke: „Wir gehören nicht zu den trüben Figuren, die den Klöppel aus der Glocke der Leidenschaft entfernen wollen.“ Da wurde Leni ganz ernst, zog sich die Lippen mit ihrem Fettstift nach und meinte: „Du verstehst das nicht, Sam, unsere Leidenschaft ist Deutschland.“ Dann verschwand sie mit einem Marlene-Dietrich-Winken in einem Taxi. Weil ich nirgendwo anders erwartet wurde, schlenderte ich wieder zum Postamt. Kein Brief von Mutter, dafür einer von meinem Analytiker (10). Er fragt, wie’s meinem Karbunkel geht, und er habe jetzt mein Problem raus: Ich sei nie wirklich geboren worden. – Was nun? Werden die bei Marks and Spencer meine Konfektionsgröße haben, und vor allem: Wie bring ich’s Mutter bei?

2. Mai 1937                                                                                                                                                      Erst mittags aufgestanden. Ging ins Hotelrestaurant runter, um mir ein paar Flaschen Tucher hochzuholen. Da saßen ausgerechnet Ezra Pound und Albert Speer, den mir Leni gestern im Fahrstuhl vorgestellt hat.  Pound sah mich von weitem und winkte mich heran. Er stocherte  lustlos in einer Blutwurst und machte denselben abgeschmackten Scherz wie neulich in Paris: „Na, Sam, wie geht’s? Schreibst du an’ner neuen ‚Divina Commedia’, oder darf’s diesmal auch ‚Madame Bovary’ sein?“ (11). Speer blickte peinlich berührt auf seinen Teller, und ich wollte mich wortlos zurückziehen. Aber Pound hielt mich so lange fest, bis der Kellner ein Doggiebag mit seiner Blutwurst gepackt hatte, und das drückte er mir mit den Worten in die Hand: „Nie die Lieben zuhause vergessen, Sam!“ Auf dem Absatz kehrtmachen und rauslaufen war eines. Da an der Réception gerade keiner stand, stopfte ich das dämliche Paket in Hitlers Fach. Dabei sah ich in meinem einen Zettel liegen und las: „Der Führer möchte dich kennenlernen, Wir sehen ihn heute Abend in ‚Meistersinger’. Bitte rasier dich, Leni.“ (12)

Anmerkungen:                                                                                                                                                    

1) Becketts Geburtshaus in Foxrock, einem Vorort von Dublin, in dem seine Mutter damals nach dem Tod des Vaters allein lebte; der Briefträger pfiff immer diese Melodie.

2) Beckett hatte mehrere Ferien in Kassel bei den Sinclairs, Verwandten aus Dublin, verbracht und dabei seiner Cousine Peggy den Hof gemacht; Peggy war 1935 an Tuberkulose gestorben, ein Ereignis, das Beckett noch lange, auch literarisch, beschäftigte.

3) Vermutlich einer der Filme von Arnold Fanck, in denen Leni Riefenstahl Hauptrollen spielte, ehe sie zur Regie überwechselte.

4) Beckett überlegte damals, als er für seinen ersten Roman „Murphy“ keinen Verleger fand, ernsthaft, Pilot zu werden oder sich dem Film zuzuwenden; er hatte bereits an Sergej Eisenstein geschrieben und wollte ein Jahr lang unbezahlt bei ihm in Moskau assistieren, bekam aber nie eine Antwort.

5) Beim Reichsparteitag 1934 hatt sie hier „Triumph des Willens“ gedreht.

6) „Whoroscope“, erschien 1930 in Paris.

7) Becketts geliebte Hündin in Cooldrinagh.

8) Die Zeilen finden sich im Gedicht „Cascando“, das noch im selben Jahr im Dublin Magazine erschien.

9) Beckett hatte dafür nie eine Zeile geschrieben, erwähnte aber 1970 in einem Gespräch mit Alan Schneider, Hitler habe ihm in seiner Jugend einmal „mit einem Hunderter unter die Arme gegriffen“; das Filmprojekt wurde aus Kostengründen nie realisiert.

10) Beckett unterzog sich von 1934-36 in London einer Psychoanalyse; danach stand er mit dem Analytiker W. R. Bion, einem Melanie-Klein-Schüler, noch einige Zeit im Briefverkehr.

11) Beckett und Pound waren sich öfter im „Les Trianons“ , dem bevorzugten Speiselokal von Joyce, begegnet.

12) Zu der Begegnung ist es allem Anschein nicht gekommen; Beckett reiste vermutlich noch am selben Nachmittag nach München weiter, wo er einige Tage im Hotel Leinfelder wohnte und unter anderem eine Vorstellung von Karl Valentin besuchte, bevor er dann über Frankfurt und Amsterdam nach London zurückflog.

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Erschien im „Wolkenkratzer Art Journal“ 13/1986

 Nachschrift 2014

Das komplett fiktive Tagebuch bezog sein Material aus Deirdre Bairs großartiger Beckett-Biographie, die 1980 bei Harvest erschienen war, und entlehnte ein paar Witze bei Woody Allen. Bei Becketts deutschem Verlag Suhrkamp löste die Publikation hektische Nachforschungen aus. Die „German Diaries“ kannte man 1986 nur als Gerücht; sie wurden erst nach Becketts Tod 1989 im Keller seiner Pariser Wohnung am Boulevard Saint-Jacques entdeckt: ein schwarzes Heft und fünf Notizbücher mit rotem Einband. Heute werden sie in der Universität Reading aufbewahrt und dürfen nach einer Verfügung von Becketts Neffen Edward Beckett nur zu Forschungszwecken eingesehen und nur in Ausschnitten publiziert werden – warum auch immer. 2011 brachte Steffen Redlmaier in einem kleinen Bamberger Verlag das Buch „Beckett in Bayern. Ich bin froh, wenn ich hier weg bin“ heraus, in der aus meiner „äußerst schrägen Satire“ eine längere Passage zitiert wird.

Copyright: Andres Müry

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