Zwei Paare ohne Sex im Waldviertel

 

Andres Müry

Der Name stand groß und deutlich am Schaufenster der Galerie: Rebekka Jakobson. Zwei Tage war ich schon daran vorbeigegangen, jedes Mal wenn ich aus dem Nebenhaus kam oder es betrat, aber ich hatte offenbar keine Augen dafür gehabt, sondern nur für Sophie, mit der ich eng umschlungen ging. Besser gesagt: ich war blind auch für uns beide. Wie sonst hätte ich mich als Fotograf auf ein Model einlassen können, das gerade neunzehn war, so alt wie meine Enkeltochter? Sophie hatte ich in Paris bei einem Shooting kennengelernt und nach drei Sommernächten war ich töricht genug gewesen, ihrer Einladung nach Wien zu folgen. Am Opernring teilte sie mit zwei anderen Nachwuchsmodels eine Dachwohnung. Statt in einem charmanten Hotel fanden wir uns nach Sophies Willen in ihrer WG – und Ende August war es unter dem Dach auch noch stickig und heiß.

Am dritten Morgen, nachdem wir uns erstmals gestritten hatten – über mein Pinkeln im Stehen –, ging ich allein voraus, um drunten auf der Straße Luft zu schnappen. Da fiel es mir endlich ins Auge: Rebekka Jakobson. Es traf mich wie ein Schlag. Eine Rebekka dieses Namens hatte ich vor bald vierzig Jahren in Salzburg gekannt und seitdem nie wiedergesehen. Allerdings hatte sie damals am Mozarteum nicht wie ich Kunst studiert, sondern Gesang. Für Malerei hatte sie sich, soviel ich wusste, nicht interessiert. Später wurde sie eine bekannte Opernsängerin, das war mir in der Ferne nicht entgangen, mit Auftritten in Bayreuth, an der Met in New York, vermutlich auch in Wien.

Sophie kam in ihrem zerfetzten Jeansanzug und den bänderlosen Converse daher, die Louis-Vuitton-Tasche über der Schulter. Das Schönste an ihr, die verschieden großen braunen Augen mit dem grünlichen Schimmer, war hinter der Sonnenbrille verborgen. Ich zeigte auf das Schaufenster: „Die Malerin kenn ich.“ Sie zog eine Schnute und folgte mir hinein.

Gleich im ersten Raum hing ein großes Tafelbild, circa eins fünfzig auf zwei Meter. Vom Stil her erinnerte es an Hodler, an den Symbolismus um 1900. Eine Landschaft in der Abenddämmerung, über einem Fichtenwald ging am violetten Himmel ein oranger Mond auf. Im Hof eines hufeisenförmigen, nach vorn offenen Anwesens sah man eine Pietà aus vier Personen, wie auf einer Bühne. Im Zentrum saß die Madonna mit dichtem schwarzen Haar, breitbeinig wie eine Bäuerin, auf dem Schoß einen nackten Jüngling, dessen Haupt nach hinten hing. Sie blickte starr geradeaus, eine Brust lag frei. Links neben ihr ein Mann im langen Jüngerhemd, ebenfalls frontal, aber das Gesicht abgewandt, als wolle er aus Scham nicht hinsehen. Rechts kniete eine Magd mit Kopftuch, vor ihr im Gras eine flache Schale. Sie wusch dem Liegenden mit einem Schwamm das Geschlecht. Dunkles Blut quoll heraus, lief über die Beine und färbte das Gewand der Frau rot.

Am unteren Rand stand in krakeliger weißer Schrift Zwei Paare ohne Sex im Waldviertel, in Klammern Sommer 1973.

Das Bild war von meiner Rebekka, kein Zweifel.

Ich löste mich aus dem Bann, in den es mich versetzt hatte, trat ein paar Schritte zurück und machte mit dem Handy ein Foto.

„Muss ja ein echtes Problem haben, die Frau“, kam es von hinter         mir. Sophie hatte mich, ihre Einsfünfundachtzig in einen verchromten Sessel gefläzt, die ganze Zeit beobachtet.

Der Satz war der zweite Schlag, der mich an diesem Morgen traf. In diesem Augenblick wusste ich, dass ich mich zwischen Rebekka und Sophie entscheiden musste. Und dass es zwecklos wäre, es der Jüngeren zu erklären.

Stracks ging ich in den hinteren Raum zu einer Angestellten, die an einem Glastisch saß. Laut Preisliste kostete das Bild 12.000 Euro und war verkauft. Ob sie wisse, an wen? Pikierter Blick. Nein, das könne sie nicht sagen. Ich insistierte nicht, sondern steckte den Prospekt zur Ausstellung ein. Im Umdrehen nahm ich flüchtig eine Serie mit Frauenköpfen wahr, die Münder in verschieden verzerrten Grimassen zum Schrei aufgerissen.

In der Zwischenzeit war Sophie in ihr Handy versunken.

„Ich habe droben etwas vergessen“, sagte ich, um einen leichten Ton bemüht. Sie zog wieder ihre Schnute und erhob sich. Draußen kramte sie die Schlüssel aus der Tasche und ließ sie mit nonchalanter Geste in meine Hand fallen. Der Rest ging schnell. Nach ein paar Minuten war ich mit meinem Trolley wieder unten und gab ihr die Schlüssel zurück.

Ich räusperte mich. „Ich muss allein sein, ich geh ins Hotel.“

Es überraschte sie nicht mehr, der Trolley war ja nicht zu übersehen. Was in ihrem Gesicht vorging, verbarg die Sonnenbrille. Ich setzte zu einer Umarmung an. Sie wich aus.

„Bitte, dann geh halt.“

Es klang wie: Geh, du alter Mann, in deine Hölle zurück. Sie machte auf dem Absatz kehrt und schritt mit ihrem kerzengeraden Modelgang davon. Ich rief ihr ein Danke nach, auch noch ein zweites, lauteres. Ohne zu reagieren, verschwand sie zwischen den Passanten.

Ich kannte ein kleines Hotel nicht allzu weit weg, in der Weihburggasse. Sie hatten noch ein einziges Zimmer, eine Mansarde, an der jede Renovierung vorübergegangen war. Ich landete also wieder unter dem Dach, und wieder gab es kaum Kühlung. Durchs Fenster schwappte eine Welle warmer Luft herein. Im Stehen schrieb ich Sophie eine SMS: Sorry, irgendwann kann ich es dir erklären, Volker.

Ich installierte mich an dem wackligen Biedermeiertischchen und überspielte das Bild vom Handy auf den Laptop. Laut Prospekt hatte Rebekka 1999 mit Singen aufgehört. Seit 2003 stellte sie in Galerien aus, Düsseldorf, München, Berlin, Wien. Seit 2000 lebte sie hier und im Burgenland. In Wien war sie ja auch aufgewachsen, erinnerte ich mich, als Fünfjährige war sie mit den Eltern aus England gekommen. Ohne Mühe fand ich sie mit Google: Walfischgasse, eine Adresse im 1. Bezirk ganz in meiner Nähe, sogar mit Telefonnummer.

Ich holte das Bild auf den Schirm. Rebekka musste nach Fotos gearbeitet haben. Die Madonna trug ihre eigenen Züge, das Gesicht mit den hohen Wangenknochen noch quadratischer als in Wirklichkeit. Der schamhafte Jünger, das Gesicht gelb und durch eine Rainer-Langhans-Brille verunstaltet, das war ich. Die hingegossene Leidensfigur mit den wirren blonden Locken, das war Beat, der Schweizer, der am Mozarteum Bühnenbild studierte und Tag und Nacht Take a Walk on the Wild Side von Lou Reed hörte; erst jetzt fiel mir auf dem Oberarm der kleine Davidstern auf. Die Vierte im Bunde, Klara, meine Klara, war die einzige Österreicherin unter uns und hatte schon das Diplom für klassische Gitarre.

Es war eine religiöse Travestie, die einem Uneingeweihten Rätsel aufgeben musste. Der Titel Zwei Paare ohne Sex im Waldviertel trug nichts zur Klärung bei – im Gegenteil. Er lenkte auf triviale Art von dem Drama ab, das in dem Bild verarbeitet war. Genauso gut hätte man über ein Bild mit dem geblendeten Ödipus  Folgen eines Verkehrsunfalls zwischen Vater und Sohn schreiben können.

Tatsache war: Rebekka und Beat, Klara und ich waren damals zwei mehr oder minder lose liierte studentische Paare, alle Mitte zwanzig, und machten Ferien in dem Waldviertler Vierkanthof, der auf dem Bild zu sehen war. Klara hatte uns ins ländliche Waldviertel nordöstlichlich von Linz gelockt, der Hof lag in der Nähe des Städtchens, aus dem sie stammte. Ihr Vater, der Gemeindearzt, hieß Alois Weixlbaum, ihre Mutter, Marili, hatte dreizehn Kinder geboren und der Ort war Arbesbach, das alles wusste ich noch, als wäre es gestern gewesen.

Klara, eine Teaserin, ließ mich mit ihrem knochigen Körper alles machen, nur das Letzte nicht. Das verteidigte sie wie eine Jeanne d’Arc. Eine Begründung bekam ich dafür nicht, nur ein bockiges Einfach so. Da sie mir gefiel, nahm ich es hin, ich hatte ja auch keinen Notstand: Jedes Wochenende fuhr ich zu Friederike, meinem unkomplizierten Fickverhältnis in München. Dass es bei Rebekka und Beat auf ganz andere Weise im Argen lag, wusste ich anfangs nicht so genau. Auffällig war nur die zur Schau gestellte elegische Zärtlichkeit, mit Händchenhalten und langen Blicken.

Am Ende gab es zwei Tote: Klara und Beat. Sie waren nicht weit von Arbesbach mit dem Motorrad bei einem Wolkenbruch auf kurvenreicher Straße unter einen entgegenkommenden Schwerlaster geschlittert und überrollt worden. Und es gab zwei Überlebende: Rebekka und mich. Wir hatten hinter dem Rücken der beiden anderen eine Affäre angefangen – es war darauf zugelaufen. Zur Zeit des Unglücks lagen wir zusammen in einer Linzer Pension im Bett. Erklärt hatten wir den Ausflug damit, dass sich Rebekka von mir mit ihrem Auto zur Bahn bringen ließ, um nach Wien zu einem Vorsingen zu fahren. Ich selber wollte zur VOEST, zu den Stahlwerken, um für einen Wettbewerb die Industrieanlagen zu fotografieren. Beides stimmte, und die Aktion schien nicht weiter verdächtig.

Die Absteige, die wir fanden, war grindig, in dem Bett unter dem Kruzifix klappte plötzlich nichts mehr, und statt über Nacht zu bleiben, packte Rebekka schon nach zwei Stunden ihre Sachen und stieg in den Zug. Als ich sie, wie verabredet, am übernächsten Vormittag wieder von der Bahn abholte, war sie noch distanzierter. Keine Intimität mehr, als wolle sie alles ungeschehen machen. Ja, das Vorsingen sei gut gewesen, aber sie sei todmüde. Schweigend fuhren wir zurück.

An den Rest erinnerte ich mich nur fetzenhaft. Unser Hof bei der Rückkehr: leer, niemand. Nur Ameisen an einem offengelassenen Honigglas, verklumpt zu einer noch schwach zuckenden Masse. Es sah nach einem überstürzten Aufbruch aus. Wir fuhren zu Schweiger, dem Nachbarbauern, der wusste schon alles. Die aufgelösten Eltern Weixlbaum, mit denen wir stumm in ihrer Zirbenstube saßen. Der Medizinalrat, der immerzu den Kopf schüttelte, besonders untröstlich, denn er hatte Beat seine alte Puch geliehen, mit der er früher über die Dörfer zu den Patienten gefahren war. Nun lag sie als Schrotthaufen in der Garage der Gendarmerie und von den Leichen hieß es, ihr Anblick sei niemandem zuzumuten. Nur die Schuhe und die Helme hatte man einigermaßen heil ausgehändigt.

Das Begräbnis auf dem Arbesbacher Friedhof verpassten Rebekka und ich. Der R4 wollte an dem Morgen nicht anspringen, es hatte die Nacht geregnet und regnete immer noch, und so hasteten wir in der schlecht sitzenden, am Abend vorher ausgeliehen Trauerkleidung unter einem zu kleinen Schirm den ganzen Weg zu Fuß. Den Anblick von nassen, zerzausten Krähen müssen wir geboten haben, als wir uns im Gasthaus zum Leichenmahl dazu drückten. Die Gespräche verstummten für einen Augenblick, einige guckten, als hätten die insgeheim Schuldigen an dem Unglück den Raum betreten. Dann ging es wieder laut durcheinander: Das Unwetter sei es gewesen, die rutschige Fahrbahn, und Beat habe die Maschine wahrscheinlich doch nicht so gut beherrscht, wie er behauptet hatte. Ja, da konnten wir mitnicken. Von Beats Familie war niemand angereist. Rebekka hatte nur die Nummer seines älteren Bruders, der war aber nicht zu erreichen gewesen.

Die  Sonne war hervorgekommen, als wir auf dem Rückweg allein am Grab standen: ein Hügel aus frisch aufgeworfener Erde, zwei namenlose Holzkreuze, ein Strauß mit Astern. Rebekka nahm sich eine ihrer bernsteinfarbenen Spangen aus dem Haar und drückte sie in die Erde. Ich überlegte kurz, holte ein Tütchen Gras heraus und drückte es dazu. Tauschten wir ein komplizenhaftes Lächeln? Jedenfalls standen wir noch eine Weile da, wie man es an einem Grab eben tut.

Vor der letzten Nacht auf dem Hof graute uns beiden, wir brauchten es nicht auszusprechen. Es graute uns vor den Paarbetten und den Laken mit dem ranzigen Geruch ungestillter Nächte. Es graute uns vor dem Geruch des Todes. So tranken wir uns vor dem Haus mit den letzten Flaschen Rotwein und dem Obstler in die Abenddämmerung. Worüber redeten wir? Keine Erinnerung. Irgendwann verschwand Rebekka dann doch auf ihren Dachboden, und ich legte mich in den Kleidern in der Stube auf das Sofa.

Am Morgen testete ich als Erstes den R4: Er sprang ohne Weiteres an. Wir packten zusammen. Die Siebensachen von Beat gingen in einen Seemannssack. Die Bücher, das Rauchbesteck, das Malzeug, die Naturstudien mit Kohlestift. Klaras Gitarre und den Rest holte ihre jüngste Schwester mit dem Rad ab. Einen Gruß von den Eltern richtete sie aus, wir sollten bittschön nicht drauf vergessen, den Schlüssel nach dem Zusperren bei den Schweigers abzugeben. Was wir taten.

Salzburg war für Rebekka und für mich abgetan. Ein letztes Zusammensein im Café Bazar, auf der Terrasse unter den Kastanien, nicht einmal geplant. Ich hatte sie zufällig auf dem Postamt am Makartplatz getroffen, als sie das Paket mit Beats Sachen nach Bern aufgab – der Bruder hatte sich schließlich gemeldet. Der Schock steckte uns immer noch in den Knochen. Wie ein Pärchen saßen wir da, das das Leben früh alt und stumm gemacht hat. Unsere Zukunft stand fest: Sie ging nach Wien, um dort weiterzustudieren. Ich hatte bei dem Fotowettbewerb einen Preis gewonnen, 600 Mark, damals nicht wenig, und ging nach Paris.

Ich klappte den Laptop zu. Rebekka, die ich vier Jahrzehnte nicht mehr gesehen hatte, saß jetzt vielleicht ein paar hundert Meter von hier in ihrer Wohnung. Ein Leichtes, sie anzurufen – ich hätte sofort ihre Stimme am Ohr. Musste sie nicht, während sie das Bild malte, im Zwiegespräch mit mir gewesen sein? Mit den beiden Toten, vor allem mit Beat, sowieso. Sie hatte nie Anstalten gemacht, Kontakt mit mir aufzunehmen, ebenso wenig ich mit ihr. Wir hatten unsere Gründe gehabt. Aber nun hatte sie den Schritt getan und eine Flaschenpost losgeschickt. Sie hatte damit rechnen müssen oder es zumindest nicht ausschließen können, dass ich das Bild zu Gesicht bekam.

Es blieben noch vier Tage, bis mein Flugzeug zurück nach Paris ging. Am Graben fand ich eine Buchhandlung und kaufte mir eine Landkarte von Niederösterreich. Ein paar Häuser weiter hatte ein Musikladen das Transformer-Album von Lou Reed. Für den nächsten Tag buchte ich einen Mietwagen.

Zwischen Sankt Pölten und Melk, je näher die Donau kam, verschwand die Sonne hinter Morgennebel. Lou Reeds entspannte Stimme trieb den kleinen Kia auf der A1 voran, von Vicious bis Goodnight Ladies und wieder von vorn, genau auf der Donaubrücke bei Grein blies der Saxophonist sein Solo am Ende von Take A Walk on the Wild Side zum dritten Mal. Auf der Bundesstraße in den Norden durchs Mühlviertel riss der Nebel auf, ein blauer Himmel, satte grüne Wiesen und Wälder, viele neue Häuser, wie Spielzeugklötze in die Landschaft gewürfelt. Ab Königswiesen kam mir die Straße wieder bekannt vor. In einer dieser Kurven musste es passiert sein.

Und dann kam Arbesbach, unverkennbar mit seiner Burgruine, dem Stiftzahn des Waldviertels, und der Kirche mit dem Zwiebelturm, die in frischem Gelb und Weiß leuchtete. Am Ortsanfang bog ich nach rechts ein zum Friedhof. Da ging es weiter nach Altmelon – was für ein seltsamer Name –, wo wir das Nötige zum Leben besorgt hatten. Um die Mittagszeit briet das Dorf in der Sonne, kein Mensch war draußen. Das Kaufhaus Wagner wirkte, als läge es seit damals im Dornröschenschlaf. War das nicht noch dasselbe Stillleben in der Auslage: Emailletöpfe, Kristallvasen, Gaskocher und geblümte Wasserkessel? Gegenüber, in neuem Glanz, der Gasthof Lichtenwallner, wo es die himmlische Leber mit Majoran gegeben hatte, frisch vom geschlachteten Schwein. Auch hier niemand, es war Ruhetag.

Am Ortsausgang begann der Güterweg zu unserem Hof nach rechts hinunter in die Senke. Früher war es ein Feldweg gewesen, nun war er asphaltiert. Lou Reed fing zum siebten Mal mit Vicious an, genau wie damals, als wir zu viert in Rebekkas blauem R4 in den Wald hineinfuhren, die Musik aufgedreht, Beat und ich auf der Rückbank, der Joint und die Dopplerflasche gingen zwischen uns hin und her. Eine Weile durch das grüne, dämmrige Dunkel, der Weg fiel steil ab, die kleine Brücke über den Bach, und mit dem Saxophonsolo schossen wir hinaus in die Helle des frühen Sommerabends. Nach einer Kurve tauchte er unversehens auf, unser Hof, linkerhand am Hang inmitten ungemähter, blühender Wiesen.

Ich trat in die Bremse, wie es Rebekka damals im R4 getan hatte. Aber nicht, weil ich das Haus erblickt hätte. Es war weg, verschluckt von einem Wald von Fichten, dicht und dunkelgrün, als wäre hier nie etwas anderes gewesen. Hatte ich mich im Weg geirrt? Nein, rechterhand war immer noch die Wiese, die zum Tal abfiel, mit dem Bach zwischen schimmernden Sandbänken. Jenseits zog sich Buschwerk steil bergan, ein frisch gepflügter Acker bildete den Horizont, da oben musste der Hof vom Bauern Schweiger sein.

Ich ließ den Film weiterlaufen: Wir stiegen aus und schwärmten um das verwitterte, offenbar verlassene Anwesen. Wir versuchten durch die Fenster zu schauen – die verblichenen Gardinen waren zugezogen –, drückten probeweise Türklinken, rüttelten an Scheunenriegeln, stiegen hinter dem Stall über den großblättrig überwachsenen Komposthügel, der der Misthaufen gewesen war, und trafen uns schließlich im Innenhof wieder.

Das ist es, sagte Rebekka.

Das ist es, sagte Klara.

Das ist es, sagte Beat.

Das ist es, sagte ich.

So viel Einigkeit war selten bei uns. Reihum nahmen wir einen Schluck aus der Dopplerflasche, als wären wir eine verschworene terroristische Gruppe, die den idealen Unterschlupf gefunden hatte.

Kurz darauf saßen wir in der Stube beim Bauern Schweiger, einem stattlichen Mann mit wettergegerbtem Gesicht; der eine Ärmel war leer, den Arm hatte er im Krieg gelassen. Dank Klara ging alles sehr rasch. Schweiger erzählte, dass er den Hof und den Grund vor einem halben Jahr dem Bauern Hölzl abgekauft hatte, der in die Stadt gezogen war, um in der Fabrik zu arbeiten. Die Gstätten könnten wir über den Sommer haben, es sei noch das ganze Klumpert vom Hölzl drin. Allerdings, der Strom sei abgestellt, aber kaltes Wasser gebe es. Toilette hätten sie nie gehabt, die Hölzls, dafür sei die Sickergrube im Stall da. Ach, das macht uns nichts aus!, riefen wir im Chor. Wir tranken ein Stamperl Obstler drauf und Klara bekam den Schlüssel.

Ich fuhr hinauf zum Schweiger-Hof und es war schon keine Überraschung mehr: Aus dem Anwesen war eine Pferde-Ranch geworden, mit einem Portal wie bei Bonanza. Auf der Koppel weideten ein halbes Dutzend Tiere, in der Manege ließ ein Trainer ein behelmtes Mädchen auf einer Stute an der Longe kreisen. Es war Mittagszeit, High Noon, die leere Bar im Innenhof beschallten Lautsprecher mit den Nachrichten. Hier hielt mich nichts.

Ich fuhr an die Geisterstelle zurück, parkte den Wagen, hängte meine Nikon um und zog, geduckt unter der Heckklappe sitzend, meine Reeboks an. Ich hatte die fixe Idee, nach vierzig Jahren noch Reste von uns zu finden. Ein Feuerzeug. Eine Schillingmünze. Eine Haarspange. Einen verrosteten Löffel. Ich pflügte mich durch den Neuwald, lockerte mit der Fußspitze da und dort probehalber das weiche Erdreich, stieß aber nur auf ein Stück Zementboden, wo vielleicht der Stall und die Sickergrube gewesen waren. Dort unten in der Tiefe hätte man womöglich noch winzige organische Spurenelemente von uns finden können. Eine gruslige Vorstellung.

Ich drang weiter in den Wald vor, in den ursprünglichen Teil, wo ich damals, bei gutem Licht, mit der Kamera herumgestreift war. Die mächtigen, in der Eiszeit rundgeschliffenen Findlinge, die ich fotografiert hatte, lagen noch immer da – wer hätte sie auch wegtragen sollen? Und wie damals fiel  Sonnenlicht  in schrägen Bahnen zwischen den hohen Stämmen durch und verfing sich im hellgrünen Farn. In einer Lichtung fand ich sogar meinen Lieblingsfelsen. Wie der Rücken eines Walfischs ragte er aus der Erde und immer noch gab es die vermooste Einbuchtung, in der man bequem sitzen konnte.

Wie war das bei unserem Einzug in den Hof gewesen? Die Tage davor hatten wir in dem Biedermeierhaus der Weixlbaums gewohnt, an der engen Straße unterhalb der Arbesbacher Kirche, wo die schweren Laster vorbeifuhren, sodass jedes Mal das ganze Haus erbebte. Zimmer standen dort einige leer, die meisten Kinder waren ja schon ausgeflogen. Rebekka und Beat bekamen eins zusammen. Klara bezog ihr Mädchenzimmer, mich schubste sie in die Wäschekammer, wo normalerweise gebügelt wurde. Den Eltern hatte sie mich demonstrativ nur als Mitstudenten vorgestellt. Was sie nicht hinderte, nachts kurz zu mir zu schlüpfen.

Am ersten Sonntag waren wir zum Mittagessen geladen, die Tafel in der Zirbenstube weiß gedeckt, ein halbes Dutzend der Kinder, zum Teil mit Partnern, hatte sich eingefunden. Eine Riesenschüssel mit dampfender Frittatensuppe. Zwei Platten mit Schweinsbraten, Knödeln und Kraut. Und am Ende die von der Hausherrin persönlich zubereiteten Marillenknödel – wie hätte diese kleine, kugelige und doch zarte Person auch anders heißen können als Marili? –, in Brösel gewälzt und mit brauner Butter übergossen, gefolgt von mehreren Obstlern.

In unserem Hof gab es tatsächlich viel Klumpert, aber auch viel Brauchbares: schönes Holzmobiliar, passable Matratzen, Geschirr, Gläser, Kochtöpfe, einen funktionierenden Holzherd und Petroleumlampen. Familie Hölzl war offensichtlich entschlossen gewesen, ein ganz neues Leben anzufangen.

Die Schlafzimmerzuteilung war einfach. Rebekka, die ungekrönte Königin, beanspruchte für sich und Beat den hellen Dachboden, wo früher das Getreide getrocknet worden war, mit Blick über das Tal. Für Klara und mich blieb die Kammer hinter der Küche. Trafen wir uns am Morgen nach und nach beim Herd – Rebekka war immer die Letzte –, so vertrieben die gemeinsamen Arbeiten, das Ofenanheizen und Wasserkochen, schnell den Trübsinn der Nacht. Das war ja auch der unausgesprochene Sinn unserer Sommerkommune: dass sie uns zwischendurch vom unerquicklichen Paarsein erlöste.

In der Erinnerung floss alles zusammen: die Ausflüge zum nahen Waldteich, das Schwimmen im Moorwasser, das Pilzesuchen – Schwammerl gab es in Hülle und Fülle –, das Rüsten und Kochen, das Kartenspielen und Rauchen. Klara brachte Rebekka auf der Gitarre Volkslieder bei und Rebekka, die auf dem Joan-Baez-Trip war, schmetterte The Night They Drove Old Dixie Down oder die deutsche Coverversion Am Tag, als Conny Kramer starb durch unser Tal.

Ehrlich gesagt: Beat und ich wurden nie richtig warm miteinander. Ich war für ihn der typische Deutsche, das Großmaul aus Bielefeld, auch noch mit dem germanischen Namen Volker, während er der sprichwörtliche langsame Berner war und mit seiner schweren Dialektzunge umständlich formulierte, wenn er denn überhaupt sprach. Eines betonte er öfter: Für die Schweizer seien wir Deutsche nach dem Krieg immer die Sauschwobe gewesen, eigentlich bis heute.

Am Mozarteum hatte sich Beat nicht nur mit seiner Zeichenmappe beworben, sondern auch für das Schauspielstudium. Das Gerücht von einem grotesken, akustisch völlig unverständlichen Vorsprechen ging um. Aber seine altmeisterlichen, an Dürer geschulten Zeichnungen kamen gut an. Meine Fotos waren ihm viel zu kalt, ja unmenschlich. Einig waren wir uns im Musikgeschmack, Glam Rock, auf keinen Fall Art Rock, und bei einem Joint fanden wir uns immer. Er hatte zwei Bücher dabei, Naked Lunch von Burroughs, die erste deutsche Übersetzung, und Ist das ein Mensch? von Primo Levi, beide ziemlich zerlesen.

Gelegentlich trafen wir uns nach dem Frühstück im Hof zur Morgengymnastik. Wir Männer trugen dazu Leibchen und Turnhosen, die Frauen Einteiler aus Baumwolle. Jeder hatte sein Programm, Kniebeugen, Liegestütz, Kopfstand. Paarungen bildeten sich beim Einhaken Rücken an Rücken mit abwechselndem Vorbeugen, oder wenn man sich bei der Kerze und bei der Brücke half. Dabei blieb es nicht aus, dass die Hosen und Einteiler Einblicke boten: da ein Hodensack, dort eine Brustwarze.

Einmal, als Beat Klara bei der Brücke assistierte, lag plötzlich ihre halbe Scham mit reichlich Busch frei. Das hätte nicht weiter auffallen müssen, wäre Beat nicht wie unter einem Medusenblick erstarrt. Eine flammende Röte übergoss ihn so heftig und anhaltend, dass wir andern es beim besten Willen nicht übersehen konnten. Rebekka sprach es aus: Ui, da wird ja einer ganz schön rot, und Klara, die sich das Stück Stoff längst wieder zurechtgezuppelt hatte, sekundierte: Ui, du Schlimmer. Links und rechts tätschelten sie ihm die brennenden Wangen, wie Mütter dem Kind. Wir fielen in ironisches Gelächter, in das Beat nicht einstimmte. Wahrscheinlich hätte man da schon den gemarterten Heiligen erkennen können.

Kurz danach passierte es zwischen Rebekka und mir. Es war einer der Nachmittage, an denen ich mit der Rollei bei meinem Walfisch fotografierte. Unversehens tauchte sie in der Lichtung auf. Sie war hell gekleidet, eine leichte, bauschige Hose und ein ärmelloses, weites Top, und hatte eine Decke und ein Buch bei sich. Sie gab sich keine Mühe, die Überraschte zu spielen. Mit einem graziösen Schwung breitete sie die Decke aufs Moos. Das Buch flog mit. Es war weiß mit magentarotem Rand, Knoten von Ronald D. Laing.

Sie streifte die Sandalen ab und begann, von den schrägen Lichtstrahlen umspielt, eine Art Ausdruckstanz. Wenn sie den Kopf warf, floss ihr das schwarze Haar über das Gesicht. Ein ziemlich kitschiges Bild. Ich nahm’s als Aufforderung – obwohl Menschenfotografie mir damals fern lag –, umkreiste sie mit der Kamera, rief ihr Anweisungen zu, Ja! und Noch einmal!, ging in die Hocke, empfing kokette Blicke – bis sie sich schließlich außer Atem dekorativ auf die Decke sinken ließ. Der Rest ergab sich von selbst, wortlos und viel zu rasch, wir nahmen uns nicht einmal die Zeit, uns ganz auszuziehen.

Danach lagen wir eine Weile nebeneinander und guckten in die Wipfel hinauf.

Rebekka sagte: Absurd, aber gut.

Ich: Wieso absurd?

Sie: Weil es mit Beat nie klappt.

Ich: Und Klara ist noch Jungfrau.

Rebekka richtete sich auf: Echt?

Mehr fragte sie nicht.

Auf dieser Decke zwischen krabbelnden Ameisen schlossen wir einen Pakt auf Zeit: Wir würden den beiden anderen nichts sagen. Und von da ab spielten wir Theater. Wir waren gut darin, ja perfekt. Der Walfisch wurde unser Treffpunkt, wann immer es ging. Wir konnten es nicht mehr lassen.

Als ich mich wieder einmal, kurz nach Rebekka, mit der Kamera aufmachte, bestand Klara darauf mitzugehen – sie hatte wohl Verdacht geschöpft. Ich nahm, als wäre es ohnehin mein Ziel gewesen, den Pfad hinunter zum Bach, da tönte aus dem Wald ein Knattern. Beat kam mit der roten, in der Sonne blitzenden Maschine um die Kurve. Er hatte sie gerade bei den Weixlbaums abgeholt, es war seine erste Tour, und er landete vor uns mit dem majestätischen Schwung eines Adlers. Wir palaverten eine Weile zu dritt über das tolle Töff – so nannte es Beat –, die Gefahr war vorüber. Dann schwang sich Klara auch noch auf den Soziussitz und verlangte, dass ich Beat und sie fotografierte. Auf dem Film war allerdings später nichts zu sehen, alles wie von einer höheren Regie zum Verschwinden gebracht – auch Rebekkas Balztanz.

Am Abend jenes Tages waren wir bei Bauer Schweiger. Die Sau war trächtig und wie es der Brauch war, sollte beim Tischlruckn der Tisch befragt werden, wie viel Junge sie werfen würde. Klara hatte das mitbekommen und uns die Einladung verschafft. So saßen wir also an dem uns schon vertrauten alten Bauerntisch beim Kachelofen, mit uns Frau Schweiger und deren unverheiratete Schwester, die Rosel Tant, während Schweiger in seinem Feierabendjanker um uns kreiste und Erläuterungen gab.

Es müsse ein Tisch aus Vollholz sein, mit vier Beinen und weder genagelt noch geschraubt. Man lege die Handflächen leicht auf die Platte – die Rosel Tant machte es mit geschlossenen Augen vor –, der Tisch werde sich auf zwei Beine erheben und, je nach Frage, einmal, zweimal oder öfter niederschlagen. Im Jahr 43 zum Beispiel hätten seine Eltern diesen gleichen Tisch befragt, ob er aus Russland zurückkäme, und der Tisch habe ja gesagt; als einer der Letzten sei er aus dem Kessel von Stalingrad ausgeflogen worden.

Dann also ging’s um die Sau. Mit einem Grinsen nahm Schweiger das Kruzifix von der Wand und legte es auf den Kachelofen. Die Rosel Tant setzte gerade an: Tisch, wie viel Schweindl die Sau wirft, so oft schlag nieder –, da erhob sich Beat: Er könne nicht, er störe nur, er sei ein durch und durch ungläubiger Mensch. Rebekka zog ihn gleich wieder hinunter: Du bleibst, du Spinner. Das war ungewohnt heftig, und er blieb verdattert sitzen.

Neun und ein halbes Mal war das Ergebnis, zehn Junge, davon eines tot, erläuterte der Bauer. Allgemeine Zufriedenheit; um Mitternacht sollte es tatsächlich genau so kommen. Vorher aber führte Schweiger, der Dämon, noch etwas anderes im Schilde. Offenbar konnte er das erotische Elend der Paare förmlich riechen. Ihr wollt’s doch heiraten und eine Familie gründen, net?, fragte er scheinheilig in die Runde. Wie viele Kinder, darum ging’s. Traut’s euch!  Widerstandslos, wie in Trance, legten wir wieder unsere Hände auf.

Rebekka und Beat: ein kleines, schwaches Ausschlagen. Großes, bedauerndes Oh. Klara und ich: dreimal zögerlich. Ein langgezogenes Ah. Doch dabei hatte es für Schweiger nicht sein Bewenden. Das sei z’weng. Er lächelte wieder schräg. Die Gegenprobe über Kreuz musste gemacht werden, nur amol zum Schau’n, schließlich seien wir noch nicht verheiratet. Klara und Beat: kräftige fünf Mal. Jubel. Und dann: Rebekka und ich. Wir schauten uns in die Augen. Neun Mal. Ein einziger Aufschrei. Das Sauergebnis egalisiert. Es wurde mit zahlreichen Stamperln gefeiert.

Irgendwie mussten wir danach schwankend den Weg nach Hause gefunden haben, bis auf die Haut nass, denn es hatte angefangen, aus Kübeln zu schütten, wie es wohl nur auf dem Land schütten kann. Mit den klammen Handtüchern, die an einer Leine quer durch unsere Küche hingen, frottierten wir uns. Und es regnete die nächsten Tage durch. Also gemeinsamer Stubenarrest, keine Schäferstündchen beim Wal mehr. In unsere Spiele zu viert schlich sich ewas Unfrohes, Lauerndes.

Und dann kam das Telegramm aus Wien. Das wichtige Vorsingen in drei Tagen. Eine einmalige Chance. Ich brachte die fatale Idee ins Spiel: Ich könnte Rebekka nach Linz zur Bahn bringen. Beat reagierte stoisch und Klara, indem sie ihn anstieß, meinte schnippisch: Dann werde sie sich halt mit Beat amüsieren.

Hier riss der Film ab.

Ich machte noch ein Bild vom Walfisch, ließ mich wie damals zwischen den Stämmen den Abhang hinuntertreiben, nahm die moosigen Hügel hüpfend im Wedelstil und kam zielgenau zu meinem Kia. Ich fuhr zurück nach Arbesbach und parkte beim Friedhof. In der Nachmittagshitze war nicht viel los. Ich fragte einen Mann meines Alters, der mit einer vollen Gießkanne des Wegs kam, nach dem Grab von Klara Weixlbaum. Nein, das kenne er nicht, aber das Familiengrab vom früheren Doktor, das kenne er.

Das Grab war gepflegt, mit frischen Blumen, die mannshohe Stele aus glattem Granit wirkte wie neu poliert. Oben in der Mitte, als Bronzerelief, die Madonna mit Kind auf einem Halbmond. Darunter die Fotomedaillons der Eheleute: links das von Marili, Arztensgattin, gestorben 1991, rechts das von Alois, Obermedizinalrat, gestorben sieben Jahre später. Ein ungleiches Paar: sie auch mit weißen Haaren noch schön, der Mund im Lächeln leicht geöffnet, er mit bekümmertem Froschgesicht und großen Brillengläsern.

Der Raum unter ihnen bot noch für viele Platz – Klaras Medaillon klebte da vorderhand ganz allein. Hätte nicht in Goldschrift der Name gestanden, wäre ich im Zweifel gewesen, ob sie es war. Das Foto zeigte ein ernstes, mir fremdes Kind mit weißem Blütenkranz im Haar, wohl bei der Erstkommunion.

Der Mann und ich standen eine Weile schweigend vor dem Grab. Er hatte die Frage auf den Lippen, ich kam ihm zuvor: Ich hätte die Familie um 1970 herum kennengelernt, bei einem Sommerurlaub. Klara sei damals bei einem Motorradunfall verunglückt, zusammen mit einem Schweizer. Einem Schweizer? Nein, davon habe er nie gehört. Ich: Ob noch jemand von der Familie im Ort lebe, es seien ja so viele Kinder gewesen. Wieder Kopfschütteln. Die herantretende Frau wusste es besser: Paula, die jüngste Tochter, wohne als einzige noch hier. Sie sei Yoga-Lehrerin und geschieden und lebe allein über dem Eisenwarengeschäft an der Hauptstraße, neben dem alten Weixlbaumhaus.

Paula, das musste die sein, die Klaras Sachen abgeholt hatte. Ich klingelte im ersten Stock beim Yoga-Studio. Paula empfing mich an der Tür, klein wie ihre Mutter, barfuß in einem Hausanzug, melancholische Augen von wässrigem Blau. Sonderlich überrascht schien sie nicht. Ja, der Volker von der Klara, das sei aber lang her. So runde Nickelbrillen – sie formte sie mit Daumen und Zeigefinger – hätte ich damals gehabt und noch kein Barterl. Eine halbe Stunde habe sie Zeit, ich solle bitte die Schuhe ausziehen. Wir saßen uns auf zwei roten Polstern gegenüber, an den Wänden Ölbilder mit Kreismotiven in Gelb und Orange. Sie hatte mich gleich geduzt.

Wo ich lebte? Als Fotograf in Paris, ach wie schön. Und nach so vielen Jahren wieder im Waldviertel.

Ich sei in einem Alter, wo man den alten Geschichten nachgehe.

Ja, das sei traurig gewesen damals, für alle.

Ob sie etwas wisse über Klara und Beat, über ihre Ausfahrt mit dem Motorrad, ob sie vorher etwas gesagt hätten? Ich könne mich partout nicht erinnern, nur dass wir alle unter Schock gestanden hätten.

Paula schaute mich lange an.

Sie wisse schon etwas, aber sie habe noch mit keinem darüber gesprochen, fast mit keinem. Die beiden seien auf der Rückfahrt von Mauthausen gewesen, vom Lager. Beat habe dorthin gewollt, ganz unbedingt, zur Klara habe er gesagt, es sei eine Schande, dass sie noch nie dort gewesen sei, und Klara habe eingewilligt, auch weil sie Sorge hatte, dass ihm allein etwas passieren könnte. Klara habe das nur ihr anvertraut und ihr eingeschärft, es für sich zu behalten. Bet für uns, habe sie zum Schluss gesagt und sie geküsst, das sei ihr merkwürdig vorgekommen.

Und das habe sie nachher wirklich niemandem erzählt? Warum nicht?

Paula zuckte mit den Achseln. Sie wisse es auch nicht genau. Mauthausen sei in ihrer Familie kein Thema gewesen, man sei da nicht hingefahren.

Und sie, sei sie später hingefahren?

Ja, als Studentin, von Linz aus. Das sei eine andere Zeit gewesen.

Paula beobachtete mich besorgt. Sie schien sich bei meinem Verhör unwohl zu fühlen. Als bereue sie, so viel gesagt zu haben.

Ich versuchte, ihr weiterzuhelfen: Beat sei ein seltsamer Mensch gewesen, eine Art Heiliger.

Ihre Augen leuchteten auf. Ja, das sei er. Klara habe auch eine Heilige sein wollen.

Das könne ich bestätigen. Ich bot ein Lächeln an, aber Paula blieb ernst.

Wir schwiegen. Durch das offene Fenster sah man die Krone eines Apfelbaums, die Äste schwer von Früchten. Von der Straße her kam das Donnern eines Lasters, wie damals.

Wir erhoben uns fast gleichzeitig. Nun kam doch noch eine Frage von ihr: Ob ich Kontakt zu Rebekka hätte? Ich schüttelte den Kopf. Dann wüsste ich also auch nicht, dass sie vor eineinhalb Jahren hier gewesen sei.

Nein, und was habe sie gewollt?

Sie habe den Hölzl-Hof gesucht –

– und nicht gefunden. Es sei mir gerade ebenso ergangen. Und habe sie Rebekka die Geschichte mit Mauthausen auch nicht erzählt?

Doch, ihr schon.

Da klingelte, wie bestellt, Paulas Handy. Bisher hatte sie sich für mich um Hochdeutsch bemüht, nun fiel sie in ihren Dialekt mit vielen dumpfen Oas und war eine andere. Ich war unschlüssig, ob ich warten sollte, da winkte sie mir aber schon zum Abschied: Sitzung beendet.

Es war halb drei Uhr nachmittags. In der Metzgerei an der Hauptstraße ließ ich mir wie früher eine Semmel mit Leberkäse und saurer Gurke belegen und kaufte eine Dose Bier dazu. Damit setzte ich mich auf eine Bank im Schatten unter eine Linde, zu einem bärtigen Alten, wahrscheinlich einem Türken, der vor sich hin döste.

Bei der Tankstelle am Ortsausgang hielt ich noch mal; es war ein sogenanntes Lagerhaus für Baubedarf und es dauerte eine Weile, bis ein Bursche im Overall herauskam und mich bediente. Ich breitete auf der Kühlerhaube die Landkarte aus. Was ich suchte? Wie weit es nach Mauthausen sei. Mauthausen? Er fuhr mit dem öligen Zeigefinger die Strecke entlang, ohne einmal abzusetzen. Anderthalb Stund, immer abwärts.

Während ich sorgsam die Unglückskurven nahm, fiel es mir wieder ein: An einem unserer Abende hatte Schweiger von den Häftlingen erzählt, die auf dieser Straße nach der Befreiung des Lagers zerlumpt und hungrig in einer langen Kolonne nach Norden gezogen seien und bei den Bauern etwas zu essen gesucht hätten. Wie sich die Familie im Hof verbarrikadiert habe, weil man ja nicht wusste, ob sie sich rächen wollten. Obwohl man ihnen ja nichts zuleide getan habe. Und dann sei der Russ gekommen und zehn Jahre nicht mehr gegangen.

Beat war also die ganze Zeit vom Gedanken an Mauthausen zerfressen gewesen, hatte aber nichts nach außen dringen lassen. Mir war es damals kaum mehr als ein Name. Unser Geschichtslehrer hatte uns, das musste noch vor den Auschwitz-Prozessen gewesen sein, einen Bildband über die Befreiung von Bergen-Belsen gezeigt, das Foto mit dem Bagger, der einen Berg knochiger Leichen zusammenschiebt – unüberbietbar schrecklich. Aber dann kam der Vietnamkrieg mit anderen Bildern: Amerikanische Bomber im Tiefflug über kahlen, von Agent Orange entlaubten  Wäldern. Das Foto von der Landstraße mit dem nackten schreienden Mädchen, die Haut von Napalm verbrannt. Das war Anfang der Siebziger der Holocaust. Die Amis waren die neuen Nazis, wir hatten ja auch, als Nixon damals nach Salzburg kam, Plakate gemalt mit Nixon Mörder, das x als Hakenkreuz, und Beat hatte mitgemalt.

Dass er irgendwann politisch mitdiskutiert hätte, daran konnte ich mich nicht erinnern. Doch, einmal im Gasthof Lichtenwallner, bei der berühmten Schweinsleber, hatte er angefangen: Was mein Vater eigentlich im Krieg gemacht habe? Ich: Er sei Chemiker bei Oetker gewesen, vom Dienst freigestellt, weil er an kriegswichtigen synthetischen Lebensmitteln geforscht habe. Und sei er ein Nazi gewesen? Natürlich sei er in der Partei gewesen, das sei nicht anders gegangen, und nach dem Krieg sei er in die CDU eingetreten. Alles ganz natürlich, hatte Beat gebrummelt. Damals war ich laut geworden: Was er denn wolle. Immerhin habe es mir mein Vater, im Gegensatz zu vielen anderen Vätern, klipp und klar gesagt, es nicht verschwiegen, es nicht beschönigt. Ein Riesenfehler, dieses Wort habe er benutzt.

Das hatte gesessen, das hatte Beat mundtot gemacht. Und aus irgendeinem Grund war von Rebekka nichts gekommen, obwohl es sie als Kind von Emigranten eigentlich mehr betraf als uns andere. Sie hatte einen englischen Pass, war in London geboren. Hatte sie nicht erzählt, dass der eine Teil ihrer Familie ursprünglich aus Galizien stammte, aus dem früheren Lemberg? Vermutlich also hatte sie jüdische Vorfahren. Und sicher welche im Holocaust verloren.

Die Fahrt durchs Mühlviertel ging zügig. Schließlich führte die Straße an der Donau entlang, breit und grün floss sie dahin. Schleppkähne kreuzten. An den Hang geklebt tauchte Mauthausen auf, ein schmuckes historisches Städtchen. Die Schilder Mauthausen Memorial/KZ-Gedenkstätte leiteten an ihm vorbei, durch friedliche Wohnsiedlungen mit Obstgärten den Berg hinauf. Je näher das Lager kam, desto kleiner wurden die Schilder.

Auf dem Parkplatz standen eine Handvoll Autos und ein Bus. Das KZ, eine Burg aus Granitquadern, thronte breit in der Landschaft, als wäre es mit ihr von alters her verwachsen. Das flache, halb im Boden versenkte Empfangszentrum aus Beton hatte es zu Beats Zeit noch nicht gegeben. Gerade wurde aus einem Lieferwagen der Firma Nah & Frisch Nachschub für das Café ausgeladen.

Im Filmraum begann eine Dokumentation über die Geschichte des Lagers. Ich ließ die Bilder in mich eindringen, dankbar, dass eine englische Stimme sie kommentierte, nicht eine deutsche. Statements von Überlebenden, die in den Achtzigerjahren an den Ort zurückgekehrt waren, Holländer, Israelis, Russen. Wie sie das Grauen schilderten, wirkte ausgekühlt, fast emotionslos. Dagegen der amerikanische Veteran, einer der Befreier, der mitten im Satz nicht  weiterkonnte, tränenerstickt. Was genau schnürte ihm so die Stimme ab? Dass Menschen zu so etwas fähig waren? Oder aber war er jüdisch und hatte in den Lagern Verwandte verloren? Außerdem war er in dem Alter, dass er einen Sohn oder sogar schon einen Enkel haben konnte, der in Vietnam gewesen war. Vielleicht  gefallen war. Oder als psychischer Krüppel weiterlebte wie Travis Bickle in Taxidriver. Gut, dass draußen kein Kamerateam stand und mich provozierte, dieses Räsonieren – typisch deutsch, hätte Beat gesagt – in die Welt hinauszuposaunen.

Den Besucherparcours absolvierte ich rasch, fast im Laufen. Die Baracken. Die Gaskammer. Das Krematorium. Die Todesstiege hinab in den Steinbruch, die die Häftlinge am Ende des Tages mit Granitblöcken auf den Schultern hinauf mussten. Stürzte einer oder wurde er von einem SS-Mann, aus einer Laune heraus, mit dem Gewehrkolben zu Fall gebracht, fielen die dahinter wie Dominosteine und wurden zermalmt. Oder der sogenannte Fallschirmspringerfelsen mit dem Teich darunter. Hier wurden Entkräftete aus fünfzehn Metern Höhe in die Tiefe gestoßen und ertranken, wenn sie nicht schon vorher vom Aufschlag auf den Felsen tot waren.

Bestimmt hatten Klara und Beat genau hier an dem Teich gestanden. Das heilige Paar. Und waren die Hunderte von Stufen wieder hinaufgestiegen. Schweigend wahrscheinlich. Er voraus. Vielleicht hatten sie sich im Stabsgebäude der Lagerleitung, wo eine Imbissstube eingerichtet war, noch mit einem Kaffee gestärkt. Eine geraucht. Oder sie waren gleich wieder auf die rote Maschine gestiegen. Das Gewitter war mit Böen im Anzug gewesen. Die Donau grau. Und Beat hatte aufs Gas gedrückt. Take a Ride on the Wild Side. Klara hatte sich an ihn geklammert. Vielleicht geschrien: Nicht so verrückt! Langsamer! Oder aber sie war einverstanden gewesen. Nach allem, was sie gesehen hatten.

Der Teich lag wie ein offenes Auge da. Helle, durchsichtige Fische zogen ihre Bahn. Ich machte mit dem Handy ein Bild. Nichts auf ihm würde etwas über den Schrecken des Ortes erzählen.

Während ich die Treppe hinaufstieg, machte ich ein zweites, ein Selfie von mir: Volker Schön auf der Todesstiege, der Sohn eines deutschen Chemikers, der im Auftrag der SS an synthetischen Lebensmitteln geforscht hatte, zu keinem anderen Zweck, als den Krieg und den Fortbestand der Lager zu verlängern.

Gleich oben an der Todesstiege löschte ich beides wieder. Dort hatte sich die DDR mit einem Monument verewigt, mit der Jahreszahl 1966. Eine Mauer, davor die Skulptur einer Frau, Deutschland, bleiche Mutter, wie das Brechtgedicht auf dem Stein besagte. War niemandem die Zweideutigkeit  der Mauer aufgefallen? Ein paar Meter daneben, sicher als spätere Reaktion, der Beitrag der Bundesrepublik, eine rostüberzogene Stahlplatte, ohne das Wort Deutschland, nur mit der Inschrift Allen Opfern der Gewaltherrschaft. Ich hörte Beat sagen: Gleich doppelt machen sich die Sauschwobe hier breit. Er hätte recht gehabt.

Mauthausen ließ mich nicht so leicht los. Statt gleich die Uferstraße zu nehmen, fuhr ich durch das Städtchen, das mit dem Granitabbau und mit dem Salztransport auf der Donau reich geworden war. An einem Fußgängerstreifen wartete, auf einen Stock gestützt, ein Alter in Leibchen, kurzen Hosen und Sandalen. Im Schritttempo fuhr ich heran, und just als ich vielleicht drei Meter vor ihm war, startete er los. Nicht geistesabwesend, eher, als hätte er mich zu seinem Gegner auserkoren. Ich trat heftig in die Bremse, kam korrekt vor dem Streifen zum Stillstand, was ihn aber dennoch so erschreckte, dass er über seinen Stock stolperte und vor meiner Haube auf den Hintern plumpste. Wie gerufen näherte sich da ein Polizeiauto, stellte sich mit Blaulicht quer vor uns. Zwei Polizisten stiegen aus, halfen dem Alten auf die Beine. Es war ihm offensichtlich nichts passiert, aber er schimpfte los: A Verbrecha, a Weana – das Mietauto hatte ja ein Wiener Kennzeichen.

Nun wurde eine Amtshandlung unumgänglich, man wollte meine Papiere sehen. Fast mitleidig begutachten die beiden meinen lappigen grauen Führerschein mit dem Rainer-Langhans-Foto von 1969, in Bielefeld ausgestellt. Aha, a Daitscha. Den Pass hatte ich nicht dabei, er musste im Hotel geblieben sein, der Mietwagenfirma hatte die Kreditkarte genügt.

Wider Erwarten brachten die beiden an diesem trägen Nachmittag keine rechte Verfolgungsenergie auf, doch ein Hindernis bildete noch der Alte, der sich den Ellbogen rieb und jetzt auch noch A Daitscha schimpfte.

Ob er Anzeige erstatten wolle, fragte man ihn.

Seine Äuglein wanderten rasch vom einen zum anderen. Der Gedanke schien ihm unangenehm. Schließlich schüttelte er energisch den Kopf: Naa!

Ich kam mit einer Verwarnung des Passes wegen davon.

Es war halb sieben, als ich den Kia wieder am Schubertring in der Nähe des Hotels ablieferte. Den Pass fand ich nicht in meiner Mansarde, auch nicht den Anzug, den ich auf dem Flug getragen hatte. Es war ein teurer von Gucci. In der Eile musste ich ihn samt Pass bei Sophie im Schrank hängen gelassen haben. Ohne Pass gab es keinen Rückflug. Was sollte ich zuerst tun? Sophie anrufen oder Rebekka? Beides kostete Überwindung, für beides musste ich stark sein. So erschöpft wie ich war, hätte ich mich sofort schlafen legen können, aber ich aß noch in einem Beisl ein Gulasch, trank lustlos ein Bier dazu.

Vielleicht war Rebekka gar nicht in der Stadt. Ich beschloss, mir gleich Gewissheit zu verschaffen. Die Nummer hatte ich gespeichert. Es schaltete sich sofort ein Anrufbeantworter ein, ohne Ansage, nur mit einem Beep. Ich brachte ein Hallo heraus, da war Rebekkas Stimme schon da, ebenfalls mit einem Hallo.

„Hier Volker Schön, du erinnerst dich, Salzburg im letzten Jahrhundert.“

„Volker Schön! Nein!“

„Doch, ich bin in Wien und würde dich gerne wiedersehen.“

Eine etwas zu lange Pause. Dann: „Ach, das ist aber ganz ungünstig. Ich fliege morgen früh für zwei Wochen nach Spanien und muss noch packen. Außerdem hab ich drei gebrochene Rippen.“

Die Stimme war nicht gealtert und die Intonation war immer noch übergenau, wie von jemandem, der phonetisch Deutsch gelernt hat.

„Hallo, Volker, bist du noch dran?“

„Ja, ich finde es schade. Ich lebe in Paris und bin eigentlich sonst nie in Wien.“

Rebekka schrie etwas Unverständliches in den Raum, das wie Russisch klang. Dann war sie wieder bei mir, entschieden, keinen Einspruch duldend:

„Dann komm gleich. Walfischgasse 11, letzter Stock. Du weißt, wo das ist?“

„Ganz in meiner Nähe.“

„Es ist ein Chaos hier, und ich kann dir nur Borschtsch und ein Butterbrot anbieten. Wenn dich das nicht stört –“

„Nein, gar nicht, bin gleich da“, sagte ich rasch.

„Aber wirklich gleich!“

Der Walfisch war offenbar unser Zeichen, aber was bedeutete der Borschtsch? Vielleicht war Rebekka zu ihren galizischen Wurzeln zurückgekehrt. Sie schien nicht allein zu leben. Ihr robuster Ton war mir recht. In dem kurzen Gespräch war ihre Energie förmlich in mich eingeschossen. Ich war nicht mehr müde.

Ich zog ein frisches Hemd an. Blumen zu besorgen, war zu umständlich. Ich hatte ein paar Exemplare meines letzten Fotobands dabei, Fashion Backstage, mit dem Vorwort von Lagerfeld, davon nahm ich eins mit. Die Nikon ließ ich im Hotel.

Ein Gründerzeithaus mit dorischen Säulen, das Tor angelehnt. Im vierten Stock der Name Jakobson an eisernen Flügelportieren. Auf mein Klingeln hörte man drinnen einen gerufenen Wortwechsel. Wenig später stand eine korpulente, dunkelblonde Frau ganz in Schwarz, Hose und Rollkragenpulli knapp sitzend, im Rahmen. Eine Sekunde Zweifel, ob das Rebekka sein könnte.

„Ich Ewa.“ Sie ließ mich, ohne mir die Hand zu geben, ein. Aus dem Hintergrund schrie die vertraute Stimme: „Ich komm gleich!“

Von der Diele ging es in einen Saal, eines der Bogenfenster stand offen, man sah die Dachausbauten gegenüber und ein Stück Abendhimmel. Hier spielte sich offenbar das ganze Leben ab. Ein Küchenblock mit Samowar und einer Batterie von Flaschen. Ein großer Tisch mit Blumen, Früchten, Kerzen, Zeitungen, Kunstmagazinen, beschirmt von einem Kronleuchter aus Murano-Glas. Ein offener Kamin. Eine Sitzgruppe, genopptes gelbes Leder. Bücherregale. An jedem freien Platz an den Wänden Bilder und Zeichnungen, Petersburger Hängung. Nur ein Konzertflügel fehlte. Dafür der säuerliche Geruch von Suppe. Rebekka hatte nicht zu viel versprochen.

Ewa wies mir einen Stuhl am Tisch an, fegte eine Fläche frei. Ich legte meinen Fotoband hin.

Da kam sie schon, Rebekka, aus dem nächsten Raum, mit kurzen energischen Schritten. Einen Handtuchturban auf dem Kopf, sie hatte offenbar gerade Haare gewaschen. Noch um einiges stämmiger als früher. Eine bauschige Hose, dazu Sandalen, wie damals. Das Auffällige aber war ihr Torso. Er war kreuzweise eng bandagiert, eigentlich mehr als für drei gebrochene Rippen notwendig. Die fülligen Arme lagen frei. Das Bild, das sie bot, erinnerte an das Selbstportrait von Frida Kahlo.

Rebekkas dunkle Augen leuchteten. Der breite Mund entblößte die auffallend kleinen Zähne.

„Volker, Alter.“

Ich erhob mich. Aus der Distanz streckte sie mir die Hand hin, zum Zeichen, dass Umarmung nicht erwünscht war, wegen der Bandagen oder überhaupt.

„Wie ist das passiert?“, fragte ich.

„Im Atelier von der Leiter gefallen.“

Ich wartete, dass die Geschichte weiterging, aber es kam nichts mehr. Rebekka rückte sich einen Stuhl heran. Wir setzten uns.

„Hätten wir uns auf der Straße gleich erkannt?“, fragte sie.

„Ich hoffe doch.“

„Der Tom-Selleck-Schnauzer entstellt dich ziemlich.“

„Danke, danke.“ Ich verzichtete auf einen Return.

„Du hast mir etwas mitgebracht.“ Sie zog das Buch heran. Auf dem Cover war ein langbeiniges Model in durchsichtigem Fähnchen, das hinter der Kulisse auf seinen Auftritt wartet. Die Arme über den Brüsten gekreuzt. Rebekka lächelte.

„Immer noch der alte Jäger.“

„Du meinst, ich hätte dich damals gejagt?“

„Oh, oh, oh! Willst du behaupten, es wäre umgekehrt gewesen?“ Sie schlug mir kräftig auf den Oberschenkel, zu kräftig für ihre Rippen, sie verzog das Gesicht.

„Allerdings“, gab ich zurück.

„Schrecklich, wie sexbesessen wir damals waren“, sagte sie.

„Das waren die Siebziger.“

Ich schaute Richtung Ewa, die mit dem Rücken zu uns am Herd stand.

„Vor Ewa können wir offen sein. Sie ist mein guter Geist. Außerdem versteht sie kaum Deutsch. Sie ist aus Krakau.“

Rebekka begann ihr Haar zu frottieren. Es war kurz und silbergrau, genauso wie es Joan Baez jetzt trug.

„Wie kommt’s, dass du mich hier aufspürst nach so vielen Jahren? Ich dachte, du hättest mich abgeschrieben. Tot und vergessen.“

„Das Gleiche könnte ich von dir sagen. Was glaubst du, warum?“

Sie zuckte mit den Achseln. Keine Ahnung. Es wirkte echt. Oder sie spielte perfekt. Sie frottierte weiter.

Zwei Paare ohne Sex im Waldviertel.“

„Nein! Das hast du gesehen?“ Sie ließ das Handtuch sinken.

„Zufällig. Ich kam an der Galerie vorbei, sah deinen Namen und ging hinein.“

Rebekka sprang auf, offenbar erregt, warf Ewa das Handtuch zu und gab ihr ein paar Anweisungen auf Polnisch. Ewa verschwand und Rebekka setzte sich wieder zu mir.

„Und wie findest du es?“, fragte sie lauernd.

Ich wich aus. „Ich weiß auch, dass du vor eineinhalb Jahren in Arbesbach warst.“

Rebekka fasste mich unvermittelt am Unterarm. „Hast du eine Zigarette? Die brauch ich jetzt.“

Ich gab uns beiden Feuer. Sie machte einen tiefen Zug und stieß den Rauch aus.

„Dann warst du also auch dort und hast mit Paula gesprochen.“

„Und hab das Haus gesucht und nicht gefunden.“

„Verrückt, nicht? Ich dachte zuerst, ich spinne. Und dann hab ich gewusst, dass ich das Bild malen muss.“

„Wegen Beat.“

„Wegen Beat.“

Sie stand auf, nahm mich an der Hand und führte mich zum Kamin. Darüber hing eine gerahmte Kohlezeichnung.

„Erinnerst du dich?“

Ich schüttelte den Kopf. Die Zeichnung zeigte einen Hügel mit einem Kreuz. Statt des Christus war eine gekrümmte, knorrige Astgabel daran genagelt. Aus den beiden Armen sprossen Blätter.

„Das ist von ihm. Den Ast hat er eines Tages angeschleppt – von einem Apfelbaum. Die Zeichnung hing über unserem Bett. Das Einzige, was ich von ihm behalten habe.“

Rebekka griff vom Küchenblock eine Flasche mit polnischem Wodka, dazu zwei Gläser. Wir ließen uns in der Sitzgruppe nieder. Sie schenkte ein. Wir prosteten uns stumm zu.

Sie habe über ihre Geschichte mit Beat eigentlich nicht mehr sprechen wollen, begann sie, mit dem Bild sei es für sie abgetan. Aber nun, wo ich einmal da sei –

Sie sprang noch einmal auf. „Schau, da ist noch etwas anderes von ihm.“ Sie nahm ein Holzrähmchen von der Wand, unter Glas ein vergilbter Text, mit altmodischer Schreibmaschinentype getippt.

„Lies mal.“

Es war ein kurzes Gedicht, überschrieben mit Ikaros:

 Ich Ikaros,                                                                                                  

geboren zur Zeit, da der Mensch                                                                  

die Sonne verdunkelnd                                                                      

schneller den Himmel befliegt                                                                  

als Vögel und Wind                                                                                      

Ich, Ikaros                                                                                                    

der Sonne beraubt                                                                              

verwandle mich in einen Fisch                                                              

und tauche still                                                                                            

in mich hinab.

„Gar nicht schlecht“, sagte ich.

„Da ist der ganze Beat drin“, sagte sie, meine Herablassung ignorierend. „Es war das Erste, was er mir geschenkt hat. Mit fünfzehn oder sechzehn habe er es geschrieben. Und später nie mehr etwas. Finito.

Sie hängte das Rähmchen wieder auf und kam zurück. Sie musterte mich, wie um abzuschätzen, ob ich das folgende Geständnis auch verdiente.

„Du weißt es gar nicht: Als ich mit neunzehn nach Salzburg kam, war ich noch Jungfrau.“ Darunter habe sie sehr gelitten. Sie habe keine Menschenseele gekannt, und Beat sei ihr in der Mensa ins Auge gefallen, weil er so besonders gewirkt habe, irgendwie rein. Aber trotzdem sei sie überzeugt gewesen, dass er schon Erfahrung hatte. Also habe sie sich die Pille verschreiben lassen, in Wien, nicht in Salzburg. Dann habe es begonnen, in ihrem Untermietzimmer auf dem Mönchsberg. Tagelang seien sie nicht aus dem Bett gekommen, hätten sich geküsst, gestreichelt, mit Joghurt eingeschmiert, immer Himbeere, nie etwas anderes, und abgeleckt.

Sie unterbrach sich: „Willst du das überhaupt alles wissen?“

Statt einer Antwort bot ich ihr eine neue Zigarette an und gab uns Feuer.

Irgendwann sei ihr das nicht mehr genug gewesen, sie habe ja ein Ziel gehabt. Sie habe ihn gefragt, ob er nicht eindringen wolle. Vielleicht habe sie auch ficken gesagt. Wozu, glaube er eigentlich, dass er diesen Bärner Riesenpimmel habe? Das alles habe sie zuerst lustig gemeint. Dann aber, als ihr klar geworden sei, dass er auf diese Idee selber gar nicht gekommen wäre, habe sie die Fassung verloren – „ich hab ihn sogar geschlagen.“

„Vielleicht war er ja schwul“, schlug ich vor.

„Ach, was heißt das schon“, wischte sie es weg.

Das Schlagen habe jedenfalls gewirkt. Der Rest: ein Albtraum, ob Stunden, ob Tage, sie wisse es nicht mehr. Beat, dieser arme Kerl. Offenbar sei sie anatomisch ein Spezialfall gewesen. Aber dann habe es schließlich doch geklappt. Blut, irrsinnig viel Blut sei geflossen, und zwar auch, weil bei ihm eine Ader geplatzt sei, ein ganzes Handtuch habe er vollgeblutet. Anschließend seien sie chinesisch essen gegangen, beim Chinesen in der Elisabethvorstadt. Sie habe kaum sitzen können vor Schmerzen, Beat habe sich eine halbe Klorolle in den Slip gestopft gehabt. Noch heute könne sie bei keinem Chinesen auf der Welt essen, ohne an diese Situation zu denken.

„Hast du Hunger?“, fragte sie naheliegenderweise, „oder hat es dir auf den Magen geschlagen?“

Ohne meine Antwort abzuwarten, schrie sie nach hinten Ewa! und etwas mit Borschtsch. Ich hätte schon gegessen, wandte ich ein, aber sie scheuchte mich schon zum Tisch.

Ewa füllte drei tiefe Teller mit der dunkelroten Suppe – Blutsuppe, dachte ich unwillkürlich –, klackte je einen Löffel Sauerrahm darauf, stellte sie uns mit einer Platte geschmierter Butterbrote hin und setzte sich mit ihrem Teller abseits an den Tisch.

„Hast du immer schon Polnisch gekonnt?“, fragte ich zur Abwechslung.

Nein, Ewa gebe ihr Stunden. Sie empfinde es als eine Art Rückkehr in ihre Familiengeschichte, die Jakobsons seien ja ursprünglich aus Galizien, irgendwie fühle sie sich in der Sprache zu Hause.

Eine Weile aßen wir schweigend, bis die Teller leer waren.

„Ich mach’s jetzt kurz“, sagte sie und kehrte zum Thema zurück. „Im Bett hat es nach diesem Gemetzel zwischen uns kein einziges Mal geklappt. Beat schleppte sogar Die Funktion des Orgasmus von Reich an, wir studierten die berühmte Kurve, aber bevor sie bei uns überhaupt anfangen konnte, war Beat schon fertig, jedes Mal.“

Bis dahin hatte ich mich bemüht ernst zu bleiben, auch beim Bärner Riesenpimmel, aber jetzt konnte ich nicht mehr. Ich ließ ein Ha! heraus.

„Eine verdammte Ungerechtigkeit war das!“ Wieder ein Schenkelschlag. „Und bei uns zweien hat es gleich beim ersten Mal geklappt!“

Jetzt lachten wir beide, kurz wenigstens.

Irgendwann habe Beat dann angefangen, ihr vorzuwerfen, sie interessiere sich nicht für ihre Familiengeschichte. Sie sei mindestens achteljüdisch, habe er ihr vorgerechnet und sie belehren wollen, der Holocaust sei das größte Drama des 20. Jahrhunderts, nach ihm gebe es kein richtiges Leben mehr et cetera et cetera – „also die ganze Adornoscheiße, die ich mir später noch zur Genüge hab anhören müssen!“

„So kannte ich ihn gar nicht“, sagte ich, „und er war doch auch gar nicht jüdisch, oder?“

„Nein, nicht die Spur. Er hat von einem jüdischen Freund erzählt, den er im Internat gehabt habe, Arie, dessen Onkel und Tanten alle in Auschwitz umgekommen seien. Arie habe ihn, als sie dreizehn oder vierzehn waren, in den Holocaust eingeführt, in tagelangen Sitzungen, mit allen Büchern, die es gab. Ein richtiges Holocaust-Seminar. Du weißt, was er damals am Mozarteum vorgesprochen hat?“

Ich wusste es nicht.

„Den Andri aus Andorra von Max Frisch. Den Jungen, den  sein Vater als jüdischen Pflegesohn ausgibt, dabei ist er gar nicht jüdisch, und als die Juden dann verfolgt werden, identifiziert er sich mit ihnen.“

Damals habe sie sich auf die Probebühne geschlichen. Bei dem Monolog habe er sich an die hinterste Wand gehockt, so weit nach hinten, wie es nur ging, an einer kalten Zigarette gezogen und vor sich hin gemurmelt. „Dass die ihn damals abgelehnt haben, hat er nie verwunden. Ab dann hat er in Salzburg nur noch alte Nazis gewittert – ich konnte es nicht mehr hören!“

Rebekka stand auf, griff nach dem vollen Aschenbecher, ging die paar Schritte zum Kamin und leerte ihn mit einem aggressiven Schwung. Im Zurückkommen:

„Kurz bevor wir ins Waldviertel fuhren, war ich so weit, mich zu trennen. Ich sagte es ihm. Weißt du, was seine Reaktion war? Dann bringe er sich um.“

„Die Geschichte mit Mauthausen –“

„Du kennst sie?“

„Ja, von Paula.“

„Klara hat statt mir dran glauben müssen.“

„Das heißt, er hat eigentlich mit dir hinfahren wollen?“

„Ja! Er hat mich ständig damit genervt, aber ich wollte nicht!“

Ich gab uns wieder Feuer. Sie machte den ersten Zug und sah dabei geistesabwesend auf das Mädchen auf meinem Buch. Dann, nach einem inneren Ruck:

Beat habe ihr ja nie etwas Genaues von seiner Kindheit erzählt, nur von der Scheidung der Eltern, als er fünf war, vom abwesenden Vater, von psychischen Problemen der Mutter und dass er als Nachzügler bei einer Berner Tante aufgewachsen sei.

Vor etwa fünfzehn Jahren, als sie an der Met die Salome gesungen habe, einer ihrer letzten Auftritte, habe nach der Vorstellung ein Mann auf sie gewartet, ein Schweizer, und ihr seine Visitenkarte gegeben: Adrian Feuri, Lawyer. Es sei der ältere Bruder gewesen, den sie nur vom Telefon gekannt habe. Und von dem habe sie an  jenem Abend in einer Bar einiges erfahren.

Die angebliche Tante sei in Wirklichkeit ein Kindermädchen aus dem Emmental gewesen, blitzgescheit, aber was niemand gewusst habe: eine Sadistin. Beat habe es ihm erst viel später erzählt: Immer wieder sei er von ihr im Badezimmer an die Wannenarmatur gefesselt und gequält worden – zur Strafe für geringste Vergehen. So sei Beat, habe der Bruder gemeint, ohne jedes emotionale Fundament aufgewachsen. Vom Theater, von der Kunst habe er erwartet, dass sie ihm den Mangel ersetzten. Das habe nicht funktionieren können.

Natürlich habe sie den Bruder gefragt, warum er ihr das jetzt alles erzähle. Er habe sie lange angeschaut und dann in seinem Berner Hochdeutsch gesagt: Für den Fall, dass du eventuell Schuldgefühle gehabt hast. Wegen seines Selbstmords?, habe sie gefragt. Ob er glaube, dass es einer gewesen sei? Ja, er sei sicher, dazu habe er Beat gut genug gekannt.

„Und? Hat es dir geholfen gegen die Schuldgefühle?“

Kaum hatte ich die Frage ausgesprochen, wusste ich: Rebekka würde sie mir heimzahlen.

Sie ließ sich dafür Zeit und schenkte uns noch einmal ein.

„Du bist mir gerade der Richtige, sie mir wieder einzureden.“

Es klang wie fernes Donnergrollen.

„Okay, vergiss es“, besänftigte ich. „Nur eins musst du mir noch erklären: Warum hast du mich auf dem Bild zum Judas gemacht? Beat der Schmerzensmann, du die Madonna und Klara die Samariterin. Alles gut. Aber warum ich Judas?“

“Erst mal: Ich bin weder besonders bibelfest noch studierte Kunsthistorikerin. Sieh’s einfach so: Ich habe an dieser Stelle den Judas gebraucht, und außer dir war niemand da. Punkt.“

Ich wollte noch wissen, warum sie zu singen aufgehört habe.

„Weil ich den Mann kennenlernte, der es mir ermöglicht hat. Siegbert, ein Immobilienmakler, hier in Wien. Das war kurz nach der Begegnung mit Beats Bruder. Siegbert ist vor zwei Jahren gestorben und hat mir diese Wohnung vermacht.“ Pause. „Mit Selbstportraits habe ich angefangen. Immer wieder eine Frau, die schreit.“

„Und niemand antwortet.“

„Und niemand antwortet. Meine Kindheit war nämlich nicht viel anders. Es hat mich zwar niemand gequält, aber allein war ich auch. Bis Siegbert mich aufgefangen hat.“

Rebekka sah mich lange, von weit her an. Es konnte heißen: Warum hab ich dem Kerl mit dem Tom-Selleck-Schnauzer das alles erzählt, wo ich doch froh war, ihn vergessen zu haben? Nur weil ich mit ihm den ersten Orgasmus hatte? Ja, das hieß es wohl.

Ich spürte, wie meine Erschöpfung zurückkam. Auch Rebekka wirkte plötzlich abgespannt.

„Übrigens, unseren Walfisch gibt es immer noch dort im Wald“, sagte ich, „ganz unverändert.“

„Du meinst wegen der Walfischgasse. Ja, seltsam.“

Ich erhob mich. „Kann ich noch etwas fragen, wirklich als Allerletztes?“

„Bitte.“ Sie erhob sich ebenfalls.

„Wieso hast du dem Bild diesen grässlichen Titel gegeben?“

Sofort war sie wieder lebhaft: „Ja, schrecklich trivial, nicht? Aber er war als Erstes da. Und dann wollte ich ihn nicht mehr ändern.“

„Und wem hast du es verkauft?“

„Dem Bruder. Ich habe ihm ein Foto geschickt, und er wollte es sofort haben.“

Das Bild würde also in Adrians schicker Kanzlei in Manhattan hängen und seinen Kunden biblische Rätsel aufgeben. Damit konnte ich leben. Allerdings, ganz wollte ich die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Ich holte das Handy heraus.

„Zur Strafe für den Judas fotografier ich dich jetzt noch.“

Ich hatte mit Abwehr gerechnet, aber nein: Sie breitete gleich theatralisch die Arme aus, kippte den Kopf mit geschlossenen Augen zur Seite.

“Nicht hier“, sagte ich, „vor Beats Zeichnung.“

Sie ging folgsam hin und machte verschiedene Posen, jedes Mal, wenn ich knipste, eine andere. Ewa schaute aus der Ferne zu.

„Ich werde es Heilige Frida I–III nennen“, sagte ich.

„Bingo, erkannt.“ Sie lächelte sogar. „Schick es mir – oder auch nicht.“

Jetzt aber reichte es ihr, genug Zeit vertan. Mit einem Packen, ich muss packen scheuchte mich Rebekka Richtung Tür. Keine Berührung zum Abschied, weder Umarmung noch Kuss, nur den ausgestreckten Arm mit ungeduldig wedelnder Hand. Dann noch: Die Zigaretten! Nimm sie bitte mit! Ewa holte sie und reichte sie mir hinaus.

Diese falsche Heilige, dachte ich im Lift, ich hätte sie zuletzt einfach an mich reißen und wieder von mir stoßen sollen, Rippen hin oder her.

Außerdem hatte ich vergessen zu fragen, ob sie Kinder habe.

Vor dem Einschlafen schickte ich Sophie eine SMS, dass sie sich melden solle, wenigstens jetzt, es sei dringend. Kurz stellte ich mir vor, wie sie in ihrem Bett lag, allein oder zu zweit, ins Laken eingewickelt, die Füße im Freien, oder mitten in der Liebe. Es war ein leiser Phantomschmerz.

Beim Aufwachen war noch keine Antwort da. Ich wählte Sophies Nummer, einmal, zweimal. Jedes Mal sprang die Mobilbox an. Wahrscheinlich sah sie meinen Namen auf dem Display. Nein, der nicht. Idiotische Panik beschlich mich. Was, wenn sie sich gar nicht rührte? Mein Flugzeug ging morgen früh um sieben. Während ich frühstückte, rief ich die deutsche Botschaft in der Metternichgasse an. Ein Notpass kostete 80 Euro, um zwölf machte das Büro zu. Ich hatte noch eine knappe Stunde Zeit.

Ich ging noch einmal zum Opernring. Die Galerie war geschlossen, keine Rebekka Jakobson mehr an der Schaufensterscheibe, sondern Arnulf Rainer. Drinnen wurde offenbar gehängt, Papierbahnen versperrten die Sicht. Ich klingelte beim Nebenhaus am vertrauten Knopf. Beim dritten Mal ging das Hoftor auf. Ich nahm den Lift und ärgerte mich über mein Herzklopfen. Die Wohnungstür war angelehnt. In der Diele brannte die nackte Glühbirne. Ich rief Sophie und noch einmal Sophie.

„Suchst du etwas?“

Im Türrahmen der Küche stand ein großer blonder Junge, Typ Tänzer, barfuß und nur in Boxershorts. Der Stimme nach konnte er Holländer sein.

„Ist Sophie da?“, fragte ich.

„Nein, warum?“

Er schien zu überlegen. Dann: „Ah, du bist Volker, der Fotograf.“

„Mein Anzug –“, sagte ich.

„Ich weiß Bescheid.“ Er ging in die Küche und kam mit einem Plastikbeutel zurück, den er mit spitzen Fingern trug. Er quoll fast über von Abfall,  Eierschalen, weggekippte Spaghetti, eine Tomatendose, leere Joghurtbecher, vertrocknete Rosen, und dazwischen hing schlapp ein Ärmel meines Gucci-Anzugs heraus.

Er setzte den Beutel mit hoheitsvoller Miene vor mir ab und blieb stehen.

„Das ist aber nicht euer Ernst“, sagte ich mühsam beherrscht.

Mit einem Scheiße ging ich auf die Knie, meine Finger wühlten sich durch kalte Spaghetti, durch klebrige Eierschalen, einiges fiel aufs falsche Parkett, und dann hatte ich die Innentasche des Sakkos erreicht. Der Pass war da, ich steckte ihn ein.

Der Holländer hatte die ganze Zeit auf mich herabgeschaut. Nun war er gespannt, wie es weiterging. Würde ich den Beutel ganz ausschütten und mir das wahre Ausmaß  der Anzugkatastrophe angucken? Und dann? Lächerlich würde ich mich in jedem Fall machen, ich war es ja schon.

Ich starrte, immer noch kniend, auf das Parkettmuster, als wüsste es Rat. Schließlich klaubte ich das Erstbeste zusammen, zwei Joghurtbecher, die Tomatendose, und stopfte sie mitsamt dem Ärmel zurück in den Beutel. Ich nahm ihn und verließ den Schauplatz, ohne den Kerl eines Blicks oder eines Worts zu würdigen.

Shit happens, hallte es noch hinter mir her.

Drunten am Ring versenkte ich den Beutel voller Wut im nächsten  Abfallcontainer, ließ die Blechklappe zukrachen und stürmte weiter Richtung Oper. Nach wenigen Schritten blieb ich stehen. War ich verrückt? Der Anzug hatte 1.500 Euro gekostet!

Da sagte eine Stimme in mir: Lass es, Idiot! Das ist der Tribut, den sich Sophie genommen hat, die weise Sophie. Ohne sie wärst du dem Bild nie begegnet und allem, was sich daraus ergeben hat.

Ich atmete tief durch und ging weiter.

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Erschienen in: Zwei Paare ohne Sex im Waldviertel. Stories, Frankfurt a. Main 2016