Endlich drin. Geständnisse eines ziemlich einverstandenen Alt-Jurors

Von Andres Müry

 

1.                                                                                                                                                                           Im Februar, als alles vorbei war, die zehn Aufführungen nominiert und publik gemacht,  fuhr ich, schon für meine zweite Jury-Periode, nach Graz zum „König Lear“ von Peter Konwitschny mit Udo Samel. Es kam, wie es kommen musste: Im Foyer lief ich dem Kollegen St. über den Weg, der an der Auswahl in der F.A.Z., wie in den letzten Jahren, kaum ein gutes Haar gelassen hatte. Für ihn besteht sie aus sechs „abseitigen Projekten“, also Nichtdramen, die er naturgemäß nicht gesehen hat, nicht einmal das seines geliebten Marthaler in Sils-Maria: „100 Jahre Waldhaus“. Und unter den vier Titeln des „dramatischen Restbestands“ findet sich keiner seiner Favoriten.

Fröhlich schwäbelnd empfing er mich: „Ihr habt ja vielleicht einen Sch … ausgewählt!“ Im Unterton schwang mit: Das kann doch nicht Ihr Ernst sein, ich kenne Sie doch anders!

Ich atmete durch und gab ebenso fröhlich zurück: „Was vermissen Sie denn? Welche echten Dramen?“

„’Die Zofen’ von Bondy unbedingt“, kam es ganz schnell.

Einen Moment lang war ich verblüfft. Ich hatte den „Zerbrochnen Krug“ von Stein erwartet, sozusagen als Dramen-Fels, an den wir Zwergbergsteiger uns nicht einmal herangewagt hätten. Aber „Die Zofen“, diese Avantgarde-Travestie von gestern, die Bondy als schummrige sadomasochistische Salonkomödie zelebriert hatte?

Die Pausenglocke brach das Gespräch ab, noch ehe es beginnen konnte. Es war mir, feige wie ich bin, ganz recht, denn sonst wäre ich um das Geständnis nicht herumgekommen: Ich bin mit der Auswahl ziemlich einverstanden, in unverhofftem Maß sogar. Bis auf den Schmerz, dass der wundersam melancholische Münchner „Hiob“ von Johan Simons mit André Jung nicht dabei ist. Wie man davon unberührt sein kann – „Hat mich überhaupt nicht berührt!“, schallte es mir fünffach entgegen –, wird mir noch lange ein Rätsel bleiben.

2.                                                                                                                                                                         Als vor einem Jahr der Anruf aus Berlin kam, ob ich in die Jury wolle, stand ich kurz vor dem 60. Geburtstag. Die Bäume hatten noch nicht ausgeschlagen, aus unserem Küchenfenster auf dem Mönchsberg konnte man bis zum Salzburger Flughafen sehen. Die Schrecken des Reisens, der schlechten Hotelzimmer, der allzuvielen Theaterabende (zwischen 60 und 130, je nach Fleiß) kannte ich. Ich hatte das Ritual schon einmal in den Neunzigerjahren mitgemacht, damals von Frankfurt, vom Zentrum aus. Jetzt wurde ich also für den österreichischen Rand zuständig. Turnusgemäß ersetzte ich – politisch unkorrekt – eine junge Wiener Kollegin.

Eine Kritikerin und sechs Kritiker, sieben eingefleischte Solospieler zwischen 30 und 60, in einem Sitzungsbüro eingeschlossen: das ist erstmal ein Widerspruch in sich. Wer gewohnt ist, sich maximal durchzusetzen, sollte draußen bleiben. Allerdings sollte man auch nicht unbedingt die Rolle des Losers anstreben – es sein denn, man ist schon finster entschlossen, post festum mit einem öffentlichen Paukenschlag abzurechnen.

Stoische Spielernaturen sind im Vorteil. Auf dem Gruppenfoto, das neuerdings fürs Programmheft gemacht wird, könnte man versucht sein, aus den Mienen die unterschiedliche Identifikation mit dem Tableau abzulesen. Wenn das tragisch-düstere Schwarzweißbild einen Reiz hat, dann diesen. Allerdings ist es trügerisch: Es wird vor der Schlusssitzung gemacht.

3.                                                                                                                                                                           In meiner persönlichen Favoritenliste teilen sich in schöner Eintracht ein „abseitiges Projekt“ und ein geradezu klassisch inszeniertes Drama den Spitzenplatz. Katie Mitchells Kölner „Wunschkonzert“, nach dem stummen Monodrama von Kroetz aus den Siebzigern, ist eine Live-Video-Installation. Die letzten Stunden des auf den Tod depressiven Fräulein Rasch werden in seiner zum Filmset gewordenen Sozialwohnung mit forensischer Akribie Take für Take nachgestellt. Als Fragmentierung bekommt die Entfremdungserfahrung  ihre angemessene ästhetische Form, und auf geniale Weise entwickelt der Abend dennoch die Wucht einer Tragödie. (Kroetz, der das Stück selber realistisch inszeniert hat, soll es sich vor Begeisterung zweimal angeschaut haben.)

Den „Weibsteufel“ von Karl Schönherr, einen reißerischen Dreiakter aus dem Expressionismus, hebt Martin Kusej mit seinem Bühnenbildner Martin Zehetgruber und den Spielern Birgit Minichmayr, Nicholas Ofzcarek und Werner Wölbern – alle einander ebenbürtig – vom österreichischen Blut-und-Boden ab, überführt das Stück ohne Krampf und Kommentar in ein archaisches Zeichensystem und entdeckt nebenbei noch eine weibliche Emanzipationsgeschichte.

Für beide Aufführungen gab es reinste Zustimmung, keine einzige Gegenstimme, was ich erstaunlich finde. Für den „Weibsteufel“ mag sogar die ehrwürdige Definition von „bemerkenswert“ aus der frühen Verfahrensordnung des Theatertreffens gelten: „Optimaler Zusammenklang von Stück, Dramaturgie, Regie, schauspielerischen Leistungen und Bühnenbild“. Den Passus gibt es nicht mehr. Er roch wohl, als man sich Ende der Siebziger entschloss, das Tableau Richtung Tanztheater  und Cross-over-Projekt zu öffnen, zu sehr nach klassischem Sprechtheater und einer zu erreichenden Norm, nach Bühnen-TÜV sozusagen.

Womit ich bei Steins „Zerbrochnem Krug“ wäre. Er ist der Oldtimer-Daimler, der auch nach dreißig Jahren spielend durch den TÜV kommt und beim neuen Berliner Juste milieu – zumindest nach dem  Vorurteil – das Bedürfnis nach den guten alten Manufactum-Werten befriedigt.

Brandauer als Adam ist natürlich eine Wucht, die Bauernschläue (sein heimatliches Altaussee!) bringt er spielend, auch die ständig juckende und zuckende Altersgeilheit, die Finger immer an den ausladenden Dekolletés der Mägde.

Aber „optimaler Zusammenklang“? Die kunsthistorisch sauber nachgebaute niederländische Stube – kein Krume Dreck, keine Hühnerscheiße, obwohl echte Hühner ihren Auftritt haben! – wirkt völlig isoliert vom Naturereignis Brandauer. Dasselbe gilt von den übrigen Darstellern, denen die Kleistschen Perioden – anders als Brandauer! – gut gebügelt wie ihr historisches Kostüm aus dem Mund perlen. Mit abgestelltem Ton könnte man sich in der Oper fühlen. Aber eben: es wird nicht gemeinsam musiziert, vor allem nicht von Adam und Eve. Ihr Fall ist ja doch nicht nur einer fürs historische Gerichts-TV, sondern eine große mythische Erzählung.

Ich bekenne, ich habe nicht für Stein gekämpft (zwei andere taten’s, wenn auch nicht leidenschaftlich). Immerhin wäre es historisch gewesen: Stein nach 21 Jahren – „Phädra“ 1988 war das letzte Mal – wieder beim Theatertreffen. Und die Vorstellung, ihn beim Publikumsgespräch zu erleben, hätte beträchtlichen Reiz. Wer ihn einmal interviewt hat, weiß, zu welcher Form er bei der Kritikerbeschimpfung auflaufen kann. „Faust“ ignoriert! „Wallenstein“ ignoriert! Vergangenes Jahr hätte ich wohl  – trotz des lächerlich putzigen „Lagers“ –  für den „Wallenstein“ plädiert, wegen des einzigartigen Formats, und weil Brandauer und Stein,  die beiden an den Rand gedrängten Alt-Künstler, ein gutes Gespür dafür hatten, dass ihr Problem ein Wallenstein-Problem ist: „Wallenstein“, ein Künstlerdrama.

Haben wir überhaupt gestritten? Doch: über Lösch, über den pöbelhaften Hamburger „Marat“. Ich gebe zu, die Einwände zweier Kollegen, die Revolutionsdebatte zwischen Marat und Sade werde plattgemacht und die Forderung nach einer „Reichensteuer“ von der Bühne herab sei peinlich unpolitisch und populistisch, ließen mich kalt. Berührt haben mich 25 Hartz-IV-Empfänger, die an der Rampe ihr unwürdiges Leben (3 Euro am Tag) zu Protokoll geben, und zwar nicht in falscher autobiografischer Unmittelbarkeit, sondern kunstvoll einmontiert in die Weiss’schen Chöre. Ja: kunstvoll, mit Schleef’scher Wucht. Und außerdem muss man sich – mit Brecht – manchmal entscheiden, ob man ein Mensch sein oder guten Geschmack haben will.

4.                                                                                                                                                                        So, und jetzt habe ich Lust, mich in einen Widerspruch zu verwickeln. Zwei eingeladene Projekte provozieren mich, lieber einen guten Geschmack zu haben: die Krebs-Passion von Schlingensief, „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ (allein schon der Titel!), und die fünfstündige autobiografische Erzählperformance von Joachim Meyerhoff, „Alle Toten fliegen hoch“.

Liegt es daran, dass Schlingensief und Meyerhoff um die Zeit, als ich zwanzig war, geboren sind und von den narzisstischen Achtzigern geprägt wurden? Die Distanzlosigkeit, mit der sie ihre Wunden vorzeigen, mit der sie, der eine pathetisch, der andere ironisch, im sozialen Raum Theater ihr individuelles Schicksal präsentieren, ist mir unbehaglich. Wieso nicht als Buch, wieso nicht als Filmdokumentation? (Beides kommt bestimmt). Als Theaterkritiker fühle ich mich – das könnte der Kollege St. auch so sagen – für diese Ego-Trips unzuständig.

Doch andererseits: warum sollte sich das Theater (und das Theatertreffen) von einem  Grundzug unserer krisenhaften Tage freihalten: vom Bedürfnis nach authentischer Selbstvergewisserung? Die kollektiven Vergewisserungen durch große Klassiker-Erzählungen fehlen derzeit, da helfen keine Beschwörungen.

Selbst die „Möwe“ von Jürgen Gosch wirft, bei aller Härte und Objektivität der Erzählung, einen dunklen autobiografischen Schatten, vor allem tat sie es an der Premiere.  Goschs Krebserkrankung, obwohl er (generationsbedingt?) diskret mit ihr umgeht, überlagerte den Abend  als Beklemmung, auch als voyeuristische Erwartung. Seltsam mischte sich beides mit dieser „Komödie“, die ja nichts anderes ist als der Vorschein des Freitods von Kostja. Und als Gosch dann beim Applaus auf die Bühne kam, wurde das elementare Moment des Theaters noch einmal in Großaufnahme sichtbar: Es ist ein Anspielen gegen das Sterben.

Wie geht man als Kritiker mit der Befangenheit um? Mit forcierter Objektivität? („Darf beim ästhetischen Urteil keine Rolle spielen“). Mit psalmodierenden Beschwörungsformeln? („So wahr wie das Leben“,  „Goschs Vermächtnis“). Ich gebe zu, ich war erleichtert, dass ich nicht schreiben musste.

5.                                                                                                                                                                          Am 7. September fuhr ich mit der rotgestrichenen Rhätischen Bahn durch malerische Alpentäler, durch Tunnels und über schwindelerregende Brücken hinauf ins Oberengadin. Vier glückliche Juroren trafen sich im Hotel Waldhaus in Sils-Maria zu Marthalers Séance, Diner und Übernachtung inklusive.

Natürlich, es war der spleenigste Ausflug, den eine Jury je gemacht hat, mit Ausnahme vielleicht dem zur „Winterreise“ von Grüber ins nächtliche Berliner Olympiastadion im Januar 1977. Der Vergleich gefällt Marthaler sicher, er verehrte Grüber über die Maßen, allerdings steht das Olympiastadion in Berlin, und die „Winterreise“ wurde gleichwohl nicht eingeladen. Wollte sich die Jury durch die dadaistische Entscheidung unsterblich machen? (Unbeliebt bei allen nicht dort Gewesenen ohnehin.) Von dem vorschlagenden Juror weiß ich es mit Bestimmtheit. Für mich war es ein autobiografisches Selbstexperiment – also im Trend –, ein Stück Privattheater, das zu Theatertreffen-Würden kommt.

Nein, nicht weil die Marthaler-Familie meine Familie wäre (das ist sie natürlich auch), sondern weil ich als Kind viele Sommer in Sils in den Ferien gewesen bin. Allerdings in der kleinen, bescheidenen Pension Chasté in Sils-Baselgia, niemals in dem protzigen Schlosshotel im Wald, das mir immer wie eine uneinnehmbare Festung erschienen war.

Jetzt war ich endlich einmal drin.

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Erschienen in „Theater heute“ 5/ 2009

Copyright: Andres Müry

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